Die Gewinnschwelle will „Medipart.fr“ im dritten Jahr nach seiner Gründung erreichen – und zwar auf eine in der Branche höchst ungewöhnliche Weise: Werbung soll es gar nicht geben, sondern die Nutzer sollen für die Inhalte neun Euro monatlich zahlen. „Das ist eine Entscheidung gegen den Trend“, räumt Chefredakteur Bonnet ein. Schließlich ist der bezahlte Internet-Journalismus andernorts auf dem Rückzug. Die „New York Times“ und das „Wall Street Journal“ zum Beispiel sind im Netz wieder kostenlos zugänglich.
„Mediapart.fr“-Gründer Plenel ist dennoch „fest davon überzeugt, dass das Gratis-Angebot nicht der einzige Weg zum Erfolg im Internet ist“.
Das gelte jedenfalls für Frankreich, wo die Pressefreiheit immer mehr eingeschränkt werde. „Die journalistische Unabhängigkeit können wir hier nur garantieren, wenn wir auf Werbung verzichten, und das verstehen unsere Leser“, sagt Bonnet.
Der Chefredakteur will den Nutzern jenen investigativen Journalismus bieten, den er anderswo vermisst. Außerdem setzt „Mediapart.fr“ auf die Mitarbeit seiner Leser. Vorbild ist die koreanische Webzeitung „Ohmynews.com“, bei der bereits über 40 000 sogenannte „Bürgerreporter“ registriert sind. Ebenso wie die Koreaner wollen die die Macher von „Mediapart.fr“ alle eingesandten Texte professionell nachrecherchieren und redigieren, bevor sie auf der Site erscheinen.
Der partizipative Journalismus ist auch Kernbestandteil der Web-Zeitung „rue89.com“. Sie erschien erstmals am 6. Mai vergangenen Jahres, dem Tag des Wahlsieges von Staatspräsident Nicolas Sarkozy. „In der klassischen Tageszeitung wehrt die Redaktion das Internet ab, wie eine belagerte Burg den Feind. Wir wollen den professionellen Journalismus mit der Internetkultur versöhnen“, sagt Chefredakteur Pascal Riché, der früher einmal Korrespondent von „Libération“ in Washington war. Dabei spielen die Internet-Nutzer eine Hauptrolle. Sie können nicht nur für die „rue89.com“ schreiben, sondern auch online an der Redaktionskonferenz teilnehmen und die Website mitgestalten. Dank der aktiven Beteiligung der Leser kommt „rue89.com“ mit einer sehr kleinen Redaktion aus: Nur 15 Journalisten arbeiten für die Internet-Zeitung und davon ist wiederum nur ein kleiner Teil fest angestellt. Die Gewinnschwelle will „rue89.com“ in zwei Jahren erreichen und zwar vor allem mit Werbeeinnahmen. Chefredakteur Riché urteilt: „Von einer bezahlten Internet-Zeitung halten wir nichts. Über diese Frage besteht zwischen uns und den Leuten von Mediapart ein stragegischer Dissens“.

