Interview mit Russlands Telekom-Minister Leonid Reiman
Russland will IT-Sektor für Investoren offen halten

Der russische IT- und Telekommunikationssektor wächst derzeit rasant, alleine die Umsätze der Telefonanbieter kletterten im ersten Quartal des Jahres um mehr als ein Viertel auf neun Mrd. Dollar im Vergleich zum Vorjahr. Zwischen 2003 und 2006 wuchs die Zahl der Mobiltelefone um 328 Prozent. IT und Telekommunikation steuern inzwischen 4,5 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei.

Dennoch zögern große ausländische Anbieter mit einem Einstieg bei Russlands Telekom-Firmen: Mit ein Grund ist nach Ansicht von Beobachtern auch der seit Jahren andauernde bizarre Streit über die Eigentumsverhältnisse beim russischen Mobilfunk-Anbieter Megafon. Beteiligt: Ein auf den Bermudas ansässiger Investmentfonds und die vom Oligarchen Michail Fridman kontrollierten Alfa-Gruppe. Im Fokus auch Russlands Telekom-Minister Leonid Reiman, den Alfa beschuldigte, hinter dem Fonds zu stehen, was dieser dementiert.

Die Parteien haben sich inzwischen angenährt, doch nach wie vor steht die Frage im Raum, wie offen die russische Wirtschaft für ausländische Investitionen vor dem Hintergrund von Plänen westlicher Regierungen - darunter auch die deutsche - sein wird, eigene strategische Industrien gegen Staatsfonds aus Ländern wie Russland und China zu sichern.

Dazu ein Gespräch mit Russlands Telekommunikationsminister Leonid Reiman

Wird es auch auf dem russischen IT- und Telekommunikationsmarkt Beschränkungen für ausländische Investoren geben?

Reiman: Auf dem russischen Telekommunikationssektor gab es nie Einschränkungen für ausländische Investitionen. Wir haben keine Pläne, das zu ändern. Einer der Gründe für das schnelle Wachstum ist genau der Punkt, dass es keine solche Grenzen gibt. Ich hoffe sehr, das bleibt so.

Der russische Sistema-Konzern konnte nicht bei der Deutschen Telekom einsteigen, EU-Länder diskutieren Möglichkeiten, strategische Industrien zu schützen – ähnlich wie Russland...

Reiman: Eine Reihe von Ländern diskutiert heute Beschränkungen für ausländische Investoren, das will ich nicht kommentieren, weil es vielleicht im einen oder anderen Fall spezielle Gründe dafür gibt. Es sollte aber auf der bilateralen Ebene fair bleiben: Die Haltung, die Russland deutschen Investoren gegenüber an den Tag legt, sollte auch anders herum gelten. Und Russland ist ein offener Markt.

Warum kommen dann aber die großen internationalen Telekom-Anbieter nicht nach Russland?

Reiman: Das sehe ich nicht so. Die Summe der ausländischen Investitionen steigt jedes Jahr, in diesem allein um rund ein Viertel auf 53 Mrd. Rubel. Wir sehen aber eine Veränderung: Früher kamen vor allem strategische Investoren, heute sind es eher spezialisierte Finanzinvestoren.

Wie sehr braucht der Sektor die Investitionen aus dem Ausland?

Reiman: Die russischen Telekommunikationsfirmen brauchen ausländische Partner, nicht nur für die Investitionen und Aufgaben, die es in Russland zu lösen gilt. Die Konzerne drängen auf den internationalen Markt, weil sie die Grenzen ihres Heimatmarktes erreicht haben. Neben den GUS-Ländern gibt es erste zaghafte Vorstöße in anderen Regionen der Welt. Ich bin aber sicher, dass russische Telekom-Unternehmen künftig einen wichtige Rolle auf dem internationalen Markt spielen werden.

Lässt das Wachstumspotenzial in Russland denn nach?

Reiman: Russland ist ein großer Markt, wir erwarten, dass sich das Wachstum der vergangenen Jahre vorsetzen wird, vor allem weil nun auch mehr und mehr die Regionen von einem wirtschaftlichen Aufschwung erfasst werden. Die Leute wollen moderne Kommunikationsmittel haben. Auf der anderen Seite ist die Infrastruktur insgesamt noch unterentwickelt, so dass noch viel Raum für Investitionen besteht.

Über lange Zeit hat ein verworrener Streit um Eigentumsverhältnisse im Telekommunikationssektor auch Investoren verunsichert. Nun zeichnet sich wohl eine Lösung ab. Was bedeutet das für die Branche?

Reiman: Die Auseinandersetzung um Eigentumsfragen hat sicher damit zu tun, dass der Telekommunikationssektor so schnell gewachsen ist. Ich unterstütze sehr stark Börsengänge, weil diese Transparenz und Klarheit schaffen. Ich erwarte, dass diese Probleme über kurz oder lang aber verschwinden. Die Unternehmen werden offener, um Investoren zu gewinnen. Das macht es unmöglich, lange auf Eigentumsfragen zu spekulieren.

Wo sehen sie die größten Herausforderungen in den kommenden Jahren?

Reiman: Wir haben ein Problem ein Russland: Es gibt zwar eine Menge Leute, die das Talent haben, technische Lösungen zu entwickeln. Es fehlt aber an solchen mit dem nötigen Management-Know-how, um die Entwicklungen auch zu kommerzialisieren. Russland hat Defizite im Marketing und Management. Daher ist die Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern auch so wichtig. Hinzu kommt: Die Gehälter unserer Softwareingenieure sind inzwischen auf dem internationalen Niveau angekommen. Damit verlieren wir natürlich im Wettbewerb gegen China, wo sie viel niedriger liegen.

Trotz beindruckenden Wachstums gibt es noch immer keinen IT-Konzern mit Weltgeltung aus Russland. Woran liegt das?

Reiman: Unter anderem an der Besteuerung. Das bestehende System wirkt sich aufgrund ihrer besonderen Kostenstruktur nachteilig für IT-Firmen aus. Die meisten russischen IT-Unternehmen haben zwar ihre Produktionsstandorte in Russland, die Firmenzentralen sind aber in Westeuropa, die Besteuerung ist offshore. Bei großen Projekten kommen sie aufgrund dieser komplizierten Struktur nicht zum Zuge. Wir müssen in Russland die Gesetzgebung schaffen, damit die Unternehmen hier wachsen können – wie zum Beispiel in Irland.

Russland ist das größte Land der Erde. Wie teuer wird der Aufbau einer modernen Kommunikationsinfrastruktur?

Reiman: Für die Erneuerung und den Aufbau der Infrastruktur haben wir mindestens 33 Mrd. Dollar an Kosten geschätzt. Wir sind im Prozess dies zu investieren, am Ende dürfte es aber viel mehr werden. Eines unserer drängenden Probleme ist tatsächlich der große Unterschied zwischen den städtischen Ballungsräumen und den ländlichen Gebieten, wo es oftmals keine Telekommunikationsinfrastruktur gibt. Wir versuchen das mit staatlichen Programmen in den Griff zu bekommen, wie zum Beispiel der Vernetzung von Schulen.

Der größte russische Telekommunikationskonzern Swjasinvest ist nach wie vor staatlich. Wann wird sich das ändern?

Reiman: Die Privatisierung von Swjasinvest halte ich immer noch für einen wichtigen Schritt, um den russischen Telekommunikationsmarkt besser auszubalancieren. An der Entscheidung sind jedoch viele unterschiedliche staatliche Stellen beteiligt. Ich kann nur immer wieder versuchen, die Kollegen zu überzeugen.

Die Fragen stellten mehrere Journalisten, darunter Thomas Wiede vom Handelsblatt.

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