Interview mit SAP-Chef Kagermann
Kagermann: „Die Welt wird anders aussehen“

Im Interview mit dem Handelsblatt spricht Henning Kagermann über die rasanten Folgen des Abschwungs, Irrationalitäten der Banken und Darwinismus in der Wirtschaft und erklärt, warum diese Wirtschaftskrise anders ist als alle vorherigen – und wieso es nicht die letzte große Krise sein wird.

Handelsblatt: Herr Kagermann, wir erleben unter Managern derzeit etwas, was wir bislang nicht kannten: eine absolute Ratlosigkeit über die weitere Entwicklung. Was ist in dieser Krise anders als in früheren?

Henning Kagermann: Der Eindruck ist richtig. Ich glaube aber, dass es nicht reicht, auf frühere Krisen zu schauen, um daraus bestimmte Muster abzuleiten. Diese Krise ist anders. Wir haben vor allem den Überraschungseffekt. Man konnte die Entwicklung in der Heftigkeit nicht vorhersehen. Da muss man sich fragen, ob und wie sich Prognosen künftig verändern müssen.

Also hat die Krise tiefgreifende und nachhaltige Veränderungen zur Folge, kein Weiter-so nach dem Ende?

Wir alle hoffen, dass es danach normal weitergeht. Aber ich glaube nicht, dass es dieses Mal reichen wird, ein bisschen zu sparen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Welt danach wieder so aussehen wird wie vorher.

Was treibt die Veränderung?

Aus meiner Sicht sind das zwei Dinge: Zum einen die Globalisierung, zum anderen die Vernetzung. Die aktuelle Krise in der Finanzwelt hat so schnell solche Ausmaße angenommen, weil in der Finanzbranche jeder mit jedem vernetzt ist. Das führte zu der Vertrauenskrise, weil keiner mehr genau wusste, mit wem er Geschäfte gemacht hat.

War das Problem nicht auch, dass man der IT blind vertraute, die von sich aus Handelsaufträge ausführen konnte?

Die Banken haben zu sehr auf ihre Automatismen vertraut. Das war in der Tat ein Fehler im System...

...ein System, das vielleicht zu komplex geworden ist?

Ich bin felsenfest der Meinung, dass wir bei komplexen Systemen mehr Instabilitäten haben. Insofern sorgt Vernetzung für Instabilität. Die Krisen werden häufiger, sie werden unvorhersehbarer und sie werden kräftiger werden.

Können denn die bislang beschlossenen Maßnahmen in Europa und weltweit für eine gewisse Stabilisierung sorgen?

Das Vertrauen ist noch nicht zurück gekehrt. Wir hatten kürzlich eine Diskussionsrunde mit vielen CEOs aus Europa. Deren Prioritäten waren eindeutig: Ganz oben steht der Zugang zu Krediten. Danach kommen steuerliche Anreize und das Vermeiden jeglicher Art von nationalem Protektionismus.

Selbst gute Unternehmen müssen etwa bei Krediten und Anleihen hohe Risikoprämien zahlen. Ist das nicht irrational?

Ich halte das in der Tat für irrational. Wir blockieren uns damit. Ich kenne viele Firmen, die glauben, gestärkt aus der Krise kommen zu können. Sie sind aber extrem vorsichtig, weil sie Sorge haben, in eine Liquiditätsfalle zu laufen. Es wäre absolut verständlich, wenn die Banken bei der Kreditvergabe noch stärker selektieren würden. Ich habe aber derzeit nicht das Gefühl, dass das geschieht.

Spüren Sie diese Zurückhaltung auch in Ihrer Branche? Werden Sie von Ihren Kunden verstärkt gefragt, wenn es um die Finanzierung von SAP-Projekten geht?

Bei größeren Kunden nicht, aber im Mittelstand ja. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir das mit einem Finanzpartner anbieten können. Wir laufen also selbst nicht Gefahr, ein Finanzierungsinstitut zu werden. An der Stelle haben wir keine Probleme.

Und auf Seiten ihrer Partner, die ja häufig mittelständische Unternehmen sind? Beobachten Sie dort bereits erste Liquiditätsprobleme?

Nein. Wir haben Tausende von kleinen Partnern. Im Fall eines Ausfalls wäre das Risiko für uns also gering. Aber wenn ein wichtiger Partner Probleme bekommen würde, würden wir diesen gegebenenfalls stützen.

Was bedeutet die aktuelle Krise für Ihre Branche? Muss sie sich in der nächsten Zeit auf deutlich niedrigere Wachstumsraten einstellen?

Die Erwartungen wurden bereits nach unten korrigiert. Ist die IT-Branche bisher zwischen fünf und sechs Prozent gewachsen, sagen Marktforscher mittlerweile nur noch eine schwarze Null voraus, vielleicht ein Plus von zwei bis drei Prozent. Wie stark und wann das Wachstum zurückkehren wird, kann derzeit keiner sagen.

Aber es wird zurückkehren?

Ganz sicher. Man braucht IT einfach. Ohne sie geht es heute nicht mehr.

Wirklich? Gerade SAP, ein Unternehmen, das zentrale Software für Firmen herstellt, ist doch hart auf die Bremse getreten.

Das ist aber keine Frage einer dauerhaft fehlenden Nachfrage. Es ist ein Problem der aktuellen Unsicherheit. Große Projekte bei Unternehmenssoftware können immer mal verschoben werden. Gleichzeitig können wir aber auch in diesem Umfeld noch große Aufträge gewinnen.

Das scheinen die Investoren aber nicht so recht wertzuschätzen, wenn man Ihren Kurs betrachtet?

Bei einer Firma wie SAP gibt es hohe Erwartungen, die dann auch sehr schnell und heftig korrigiert werden. Wir haben einmal in einem Quartal unsere Umsatzerwartung um rund 50 Millionen Euro verfehlt, an der Börse hat die SAP daraufhin rund fünf Milliarden Euro an Wert verloren. Dabei hatte sich nichts daran geändert, dass SAP ein grundsolides Unternehmen ist, das wahrscheinlich besser dasteht als viele andere.

Das klang zuletzt aber ganz anders. Zwangsurlaub, freiwilliger Urlaubsverzicht - war das in der Rückschau nicht doch ein wenig übertrieben?

Nein. Wir haben gezeigt, dass wir schnell die richtigen Konsequenzen ziehen können und die Firma trotz ihrer Größe sehr agil ist. Die Mitarbeiter verlangen zu Recht Offenheit, wir würden also jederzeit wieder Klartext reden. Die Kommunikation hatten wir uns auch anders vorgestellt. Wir hätten unsere Sparvorschläge gerne erst intern besprochen. Aber das lag nicht in unserer Macht.

Der Schock sitzt tief. Fürchten Sie negative Folgen für Ihre Rolle als attraktiver Arbeitgeber? Werden die kreativen Köpfe künftig noch stärker zu Google gehen?

Man darf SAP nicht mit Google vergleichen. Die Köpfe, die zu Google gehen, müssen nicht unbedingt bei uns erfolgreich sein. Unternehmenssoftware ist ein sensibles Produkt. Wir brauchen die richtige Mischung aus kreativen Köpfen und erfahrenen Leuten, die den Kopf nicht verlieren und schnell und kompetent reagieren, etwa wenn ein Kunde Schwierigkeiten hat. Unsere Aufgabe ist eher, hier die richtige Balance zu finden.

Das Jahresende naht. Wagen Sie mittlerweile eine Prognose?

Wir werden unseren Ausblick Anfang des Jahres bekannt geben. Vorher geht es auch nicht, weil das vierte Quartal das wichtigste für uns ist. Die Frage ist, ob diese Prognose dann in der gleichen Form wie bisher erfolgen kann.

Kann das auch die Rückkehr zu einer Quartalsprognose bedeuten?

Das ist eine Möglichkeit. Es ist aber noch zu früh, darüber zu reden.

Sie haben immer wieder die Bedeutung des Mittelstands betont. Sind nicht gerade dort die Geschäfte jetzt schwierig?

Unser drittes Quartal hat gezeigt, dass gerade der Mittelstand derzeit zurückhaltend agiert. Wir haben aber zwei Mittelstandsprodukte, die sich seit langem im Markt bewährt haben. Zudem haben wir mit Business By Design ein neues Produkt, das für viele Mittelständler sehr attraktiv wäre, da es über das Internet gemietet werden kann. Das würde jetzt wahrscheinlich gut laufen, weil es so günstig ist. Leider ist es für uns in der Bereitstellung noch zu teuer.

Also geht Ihnen da jetzt in der Krise wichtiger Umsatz verloren, weil sich das Produkt verzögert?

Nein, wir hatten keinen großen Umsatz für Business By Design eingeplant, weder für 2008 noch 2009. Wir können es nicht vertreten, mit dem Produkt ins Volumen zu gehen, solange die Kostenseite nicht optimiert ist, vor allem nicht gegenüber den Aktionären.

Die den Aktienkurs der SAP allerdings seit Monaten drücken. Funktioniert der Kurs noch als Maßstab für das Unternehmen?

Wenn man den Aktienkurs heute mit dem vor einem Jahr vergleicht, passt die Bewertung eigentlich nicht. Das Unternehmen ist heute eher stärker als noch vor einem Jahr.

Erwarten Sie, dass sich diese Situation 2009 normalisiert?

Wir sollten uns darauf einstellen, dass 2009 ein schwieriges Jahr werden wird. Ich glaube, dass es uns erst im Jahr 2010 gelingen wird, wieder aus dem Tal herauszukommen.

Tut denn die Bundesregierung genug dafür?

Ich glaube, dass das, was die Regierung für die Banken getan hat, richtig und wichtig war. Jetzt wünsche ich mir aber ein etwas ehrgeizigeres Paket zum Ankurbeln der Wirtschaft. Ich glaube, dass die Bundesregierung hier noch nachlegen sollte.

Wo etwa?

Das können zum Beispiel Investitionen in wichtige Infrastrukturen sein, etwa die Datenautobahn, das Internet für alle. Ein anderes Beispiel wäre der Bereich Energieeffizienz, und natürlich müssen wir weiterhin in Bildung investieren. Berlin sollte auch die unternehmensinterne Forschung und Entwicklung mit steuerlichen Anreizen fördern, so wie das in Ländern wie Japan, Italien, Frankreich oder den Vereinigten Staaten geschieht.

Die Hilfe für einzelne Unternehmen ist der falsche Weg?

Das ist keine Alternative. Die Banken haben eine Sonderrolle. Es war ein Fehler, Lehmann Brothers in die Pleite gehen zu lassen. Daraus dürfen wir aber nicht den Schluss ziehen, dass keine Unternehmen mehr Pleite gehen dürfen. Eine Insolvenz gehört zum Darwinismus unseres Wirtschaftssystems...

...das derzeit stark in der Diskussion steht.

Die Finanzkrise zeigt, dass es um die richtige Regulierung geht. Risiken müssen transparenter gemacht und dürfen nicht einfach auf Dritte abgewälzt werden. Wenn wir es schaffen, die große und insgesamt sehr erfolgreiche Dynamik unseres Wirtschaftssystems mit mehr Nachhaltigkeit zu versehen, ist mir für die Zukunft nicht bange.

Peter Brors
Peter Brors
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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