Die Globalisierung der IT-Service- und Outsourcingbranche zwingt die großen europäischen IT-Dienstleister wie T-Systems, Atos Origin, Cap Gemini und Siemens SBS nach Einschätzung von Experten über kurz oder lang zu neuen Kombinationen: Auch wenn die Europäer nach Erkenntnissen des Marktforschungsunternehmens TPI den Amerikanern im europäischen Outsourcinggeschäft in den vergangenen zwölf Monaten Marktanteile abnehmen konnten, ist „die Möglichkeit der einzelnen Anbieter, in den jeweiligen Heimatmärkten organisch zu wachsen begrenzt“, urteilt Peter Kreutter.
HB FRANKFURT/M. Langfristig, so meint der Mitarbeiter des Instituts für Industrial Organisation der WHU Vallendar, wird das begrenzte Potenzial zum Dilemma: „Jeder der großen europäischen Dienstleister ist in seinem nationalen Markt zwar stark, doch im internationalen Maßstab nicht stark genug, um langfristig gegen globale Wettbewerber zu bestehen.“ Zumal der forcierte Aufbau von Kapazitäten in Indien und China globalen Anbietern wie Accenture, IBM und EDS „eine Mischkalkulation ermöglicht, bei der europäische Wettbewerber auf Dauer nur schwer mithalten“ könnten.
„Beim Aufbau von Offshore-Kapazitäten sind die Amerikaner den europäischen Wettbewerben zwei Jahre voraus“, schätzt Tobias Ortwein, Berater des IT-Branchenexperten PAC. So kalkulieren globale Anbieter durch Mischkalkulationen zwischen Offshore-Arbeitskräften und europäischen Mitarbeitern neuerdings mit Preisen von unter 60 Euro pro Arbeitsstunde, während der Branchendurschnitt 30 bis 40 Prozent darüber liegt.
Die rasante Marktentwicklung hat offensichtlich auch bei der Deutschen Telekom zu einer erneuten Debatte über die Konzernsparte T-Systems geführt. Erst im Januar hatte die Telekom unter dem Dach von T-Systems alle Geschäftkunden des Konzerns zusammengefasst. Mit mehr als drei Mrd. Euro IT-Umsatz ist T-Systems aber zugleich Marktführer im deutschen IT-Service-Geschäft.
Nach Informationen des Handelsblatts prüft T-Systems nun die Möglichkeit einer Übernahme des französisch-niederländischen Wettbewerbers Atos Origin. Demnach wurde das Thema bereits im Executive Board, dem obersten Managementkreis von T-Systems, erörtert. Ein Sprecher von T-Systems wollte sich auf Anfrage jedoch „zu Gerüchten nicht äußern“.
Für Frank Rothauge, Analyst bei Sal. Oppenheim hätte eine Übernahme Sinn: „Atos Origin würde sehr gut zu T-Systems passen. Denn organisch in neue Märkten zu wachsen, geht für T-Systems vielleicht noch in Osteuropa, doch in Westeuropa ist das utopisch.“ Auch das Atos Management sieht offenbar die Notwendigkeit, in einen paneuropäischen Rahmen zu wachsen. „Unseren Informationen nach haben im Frühjahr Gespräche zwischen Atos Origin und Siemens SBS stattgefunden“, sagte Rothauge. Doch diese endeten ohne Ergebnis.
Gedankenspielen Vorschub leisten dürfte die Tatsache, dass der niederländische Elektrokonzern Philips Mitte Juli seinen Anteil von 15 Prozent an Atos verkauft und damit eine Übernahme zumindest theoretisch erleichtert hat. Die Franzosen gehören mit fünf Mrd. Euro Umsatz und 46 000 Mitarbeitern zu den großen im europäischen IT-Service-Geschäft.
Für ein Zusammengehen von T-Systems und Atos würden eine führende Position in den europäischen Schlüsselmärkten Deutschland und Frankreich sowie in Belgien und den Niederlanden sprechen. Dagegen gehen die Experten von PAC zwar auch von einer Konsolidierung aus, „doch ein Zusammengehen zweier großer europäischer Anbieter würde an der mangelnden Präsenz in den USA und Asien wenig ändern“, urteilt Tobias Ortwein.
Unterdessen herrschen im Vorstand von Siemens offenbar noch immer unterschiedliche Auffassungen darüber, wie es bei Siemens SBS weitergehen soll. Bis Ende des Monats soll eine Entscheidung über die Zukunft der defizitären Konzernsparte fallen.

