IT-Konzern Oracle
Der Machtkampf ist vorerst abgesagt

Bei Oracle läuft es wie in einer Küche mit zu vielen Köchen: Gründer Larry Ellison gibt den Chefposten ab, zieht aber noch die Strippen. Die Top-Manager Mark Hurd und Safra Catz hoffen auf die Nachfolge – irgendwann.
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San FranciscoEs ist selbst für das verrückte Silicon Valley eine verrückte Story. Da ist ein Gründer, Larry Ellison, der als CEO zurücktritt, nur um sich die Schlüsselpositionen im Unternehmen als Executive Chairman und Technikvorstand zu sichern. Da ist ein neuer Vorstandschef, Mark Hurd, der vor vier Jahren unehrenhaft beim IT-Giganten Hewlett-Packard geschasst wurde, nur um einen Monat später bei Oracle wieder aufzutauchen. Komplettiert wird alles von einer zweiten neue Vorstandschefin, Safra Catz. Lange als Kronprinzessin im Unternehmen für die Nachfolge Ellisons gehandelt, bis aus dem Nichts Hurd kam. Jetzt teilen sich beide den Chefsessel. Unter Oberaufsicht von Ellison, versteht sich.

Die Hausmesse Openworld in San Francisco wäre die Gelegenheit für die neuen Chefs gewesen sich zu profilieren, zu zeigen, welchen Stempel sie Oracle aufdrücken wollen. So wie es Satya Nadella bei Microsoft innerhalb weniger Wochen gemacht hat. Doch bei Oracle findet mehr ein langfristiges Schaulaufen statt für die wirkliche Nachfolge Ellisons, wenn der 70-Jährige eines Tages tatsächlich keine Lust mehr hat und auf seiner Superyacht „Asahi“ in den kalifornischen Sonnenuntergang segelt. Denn es gibt genug Beispiele dafür, dass eine Doppelspitze nicht lange funktioniert, zum Beispiel beim Rivalen SAP. Und bei Oracle herrscht das Highlander-Prinzip: Es kann nur eine(n) geben. Wenn Ellison, selbst Gewinner des America Cups, eines liebt, dann sind es Sieger.

Noch ist klar, wer das Sagen hat. Co-Chefin Safra Catz eröffnete zwar die Hausmesse, aber sie kündigte nicht viel mehr an als ihren Technologievorstand, Larry Ellison. Er werde später „unsere Vision darlegen“, versprach sie. Eine Szene, die Bände spricht über die wahren Machtverhältnisse beim größten Datenbankhersteller der Welt.

Und Ellison ist ganz der Alte, neben ihm ist kein Platz für andere. Braungebrannt und energetisch steppt er auf die Bühne des Moscone Center in San Francisco und macht das, was er bei dieser Gelegenheit immer macht. Er hält eine große Verkaufsshow ab, preist neue Produkte, verhöhnt die Konkurrenz („Keine Ahnung, was auf Hana von SAP läuft, aber SAPs Cloud ist es nicht – die läuft auf Oracle“) und versichert den Teilnehmern des größten IT-Zirkus der Welt, dass alles auf dem richtigen Weg ist. Oracle ist 2014 nicht nur in der Cloud angekommen – Oracle ist für ihn praktisch das einzige Unternehmen, das die Cloud wirklich verstanden hat.

Ellison rattert Erfolgszahlen runter, feiert neue Kunden, über die Präsentationswände huschen Powerpoint-Folien im Sekundentakt. Warum das alles nicht schon viel früher gekommen ist, stellt er sich selbst die Frage, um sie gleich zu beantworten: „Wir haben unseren Kunden vor 30 Jahren ein Versprechen gegeben“, entschuldigt er sich. Niemand wird zurückgelassen. Oracle hat alles, von der Infrastruktur, über die Plattform bis zu den Apps, für die Cloud und seine Kunden neu erfunden, sie nicht im Stich gelassen. Für Großunternehmen, die in die Cloud wollen, gibt es nur einen Partner, lautet die Botschaft: „Praktisch jeder wichtige Cloud-Dienst auf diesem Planeten läuft auf Oracle-Datenbanken.“ Und das soll auch so bleiben. Ellison liefert alles am Sonntag – nur keine Abschiedsrede.

Doch so einfach ist das alles nicht mehr. Oracle, von Ellison 1977 gegründet und eines der ältesten Software-Unternehmens des Silicon Valleys, steht vor tektonischen Marktverschiebungen. Seit drei Quartalen verfehlt das Unternehmen regelmäßig die Erwartungen der Analysten. Seit 2011 ist in keinem Quartal das Konzernwachstum über drei Prozent hinausgekommen. Das Unternehmen geht nach Meinung vieler Marktbeobachter durch die größte Transition seiner Geschichte.

Google, Amazon, Microsoft, Salesforce.com, Workday, sie alle reißen sich mit ihren Cloud-Computing-Diensten ein Stück aus Oracles gewaltigem Unternehmensmarkt. Selbst der Aufsichtsrat ist erkennbar mürrisch geworden. Ellisons üppiges Vergütungspaket von 67 Millionen Dollar, überwiegend in Form von Aktienanwartschaften, wurde immerhin um 15 Prozent gegenüber Vorjahr gekürzt. Denn als der drittreichste Technologietitan der Welt vor wenigen Tagen den Chefposten weitergab, verband er das mit der Verkündung von mauen Quartalszahlen und einem massiven Aktienrückkaufprogramm, um den Aktienkurs zu stabilisieren.

Am Montag ging es mit dem Kurs erst einmal weiter bergab. Zu wenige echte Neuigkeiten kamen heraus, um die Stimmung an Wall Street anzufachen. Oracle verlor 1,31 Prozent, mehr als der Technologieindex Nasdaq mit 0,14 Prozent oder der S&P-500 mit Minus 0,25 Prozent.

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