IT-Messe erfindet sich neu Die Cebit will zur Technologieshow werden

Die IT-Messe Cebit leidet mit ihrem traditionellen Konzept zunehmend unter Besucherschwund. Nun soll sie zum Festival für digitale Vordenker werden.
Update: 03.06.2018 - 15:18 Uhr Kommentieren
Die Cebit will Technik greifbar machen. Quelle: dpa
Drohnen und Riesenrad

Die Cebit will Technik greifbar machen.

(Foto: dpa)

DüsseldorfDas Symbol für den Neuanfang ist schon aus der Ferne zu sehen. Wenn Mitte Juni die Cebit eröffnet, wird sich auf dem Messegelände in Hannover ein Riesenrad drehen, das sämtliche Hallen überragt. Der Softwarekonzern SAP will veranschaulichen, welche Möglichkeiten die digitale Technologie bietet – auch für Freizeitparks.

Das Spektakel ist kein Zufall. Die Deutsche Messe AG erfindet ihr bekanntestes Produkt Cebit neu. Wieder einmal und dieses Mal radikal: Die Veranstaltung soll künftig nicht nur ein Treffpunkt für Geschäftsleute sein, sondern ein Festival für digitale Vordenker – samt Diskussionen, Streetfood-Ständen und Konzerten unter freiem Himmel. Deswegen öffnet die Veranstaltung auch nicht im kalten März die Tore, sondern im hoffentlich warmen Juni.

Die Cebit steht exemplarisch für den Wandel der Messewirtschaft. Technologieshows wie die CES in Las Vegas, der Mobile World Congress in Barcelona oder auch die Konferenz South by Southwest (SXSW) in Austin konkurrieren mit traditionsreichen Veranstaltungen. Auch andere große Veranstaltungen wie die Hannover Messe gewinnen mit dem Thema Industrie 4.0 in der IT-Branche an Bedeutung.

Die Deutsche Messe AG sucht schon seit Jahren eine Antwort auf den Umbruch. Der Veranstalter veränderte die Ausrichtung mehrfach, ohne den Besucherschwund nachhaltig zu stoppen. Zur Jahrtausendwende kamen bis zu 800.000 Besucher. Konzerne wie Nokia und Microsoft stellten dort Neuheiten vor. Die Cebit – das war der Ort für Weltpremieren. Das ist lange vorbei, zuletzt kamen noch rund 200.000 Gäste auf das Messegelände.

Im Spätsommer 2016 startete die Messegesellschaft deshalb die Entwicklung eines völlig neuen Konzepts. In Workshops diskutierten Messemacher und Aussteller darüber, wie die Veranstaltung aussehen könnte. „Klassische IT-Entscheider sind auf der Cebit stark vertreten, aber die jungen, kreativen Leute nicht in ausreichender Anzahl“, fasst Oliver Frese, der im Vorstand der Deutschen Messe AG für die Veranstaltung zuständig ist, die Analyseergebnisse zusammen.

„Für diejenigen, die für digitale Veränderungen Verantwortung tragen, war die Cebit uncool“, so Frese. Das ist ein ernstes Problem für eine Messe, die sich als Plattform für die Digitalisierung positionieren will.

Eine „evolutionäre Weiterentwicklung“ sei nicht möglich, befanden die Veranstalter, es musste etwas völlig Neues her. Das Resultat: Jetzt nennt sich die Cebit „Europas führendes Business-Festival für Innovation und Digitalisierung“. Das bietet klassische Messestände, aber ebenso Fuck-up-Nights, in denen Gründer von ihrem Scheitern erzählen, und Partys mit Livemusik. „Intern nennen wir es das Revolutionskonzept“, verrät Frese.

Das mag etwas übertrieben klingen. Im Kern ist die Cebit weiter eine Veranstaltung für Geschäftsleute. Aber: „Ab 17 oder 18 Uhr schieben wir die Energieregler hoch.“ Während sich bislang die Hallen um diese Zeit leerten, sollen künftig DJs und Bands die Besucher auf dem Gelände halten oder überhaupt erst dort hinlocken. Dafür nutzt die Messegesellschaft das große Freigelände, das in Teilen noch aus Zeiten der Expo 2000 stammt.

Vorbild sind Veranstaltungen wie die Salesforce-Hausmesse Dreamforce in San Francisco und die South by Southwest in Austin: „Da gibt es reine Geschäftsveranstaltungen und Keynotes, aber auch gutes Essen, Trinken und Musik“, so Frese. „Geschäft und Spaß dürfen sich nicht ausschließen.“

Auch die Stände sollen unterhaltsamer sein. SAP demonstriert mit dem Riesenrad beispielsweise das Konzept des „digitalen Zwillings“. Neben dem großen Gerät aus Stahl und Plastik gibt es ein Modell aus Bits und Bytes, das technische Daten und den Zustand anzeigt. Der Rivale Salesforce mietet eine ganze Halle und lässt dort das Publikum in einer Show über den besten Ansatz zur digitalen Transformation abstimmen.

In der Ausstellerliste stehen viele bekannte Namen – neben SAP und Salesforce auch Hewlett-Packard Enterprise, Huawei, IBM und Intel. Die Fraunhofer-Gesellschaft und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) stellen sich vor, Arvato ist erstmals dabei, und LG und Oracle haben nach längeren Pausen wieder Flächen gebucht.

Facebook erstmals dabei

Auch einige neue Aussteller haben zugesagt. Dafür steht exemplarisch Facebook: Der Internetkonzern ist unter dem Motto „Gemeinsam digitale Chancen nutzen“ erstmals dabei. An einem Stand in der „Disruptive Technologies“-Halle werden Themen von Algorithmen und künstlicher Intelligenz über digitale Bildung bis hin zu Datensicherheit und Privatsphäre abgedeckt. Zudem zeigt die Tochterfirma Oculus ihre Datenbrillen. Zudem sind Referenten auf mehreren Bühnen präsent.

Premiere feiert auch der Autoverband ADAC, der in der Halle zum Thema „New Mobility“ einen Stand aufbaut. Zudem interessieren sich erstmals Konsumgütermarken für die Cebit. So haben Red Bull und Jägermeister ihr Kommen angekündigt, Melitta baut ein „Coffee Land“ auf.

2.500 bis 2.800 Aussteller will die Deutsche Messe nach Hannover holen, darunter 350 bis 400 Start-ups. Im Vorjahr waren 3.000 Unternehmen präsent. Vergleichbar seien die Werte aber nicht, betont das Unternehmen. Es handle sich um ein neues Produkt. „Die neue Cebit kommt an im Markt“, ist Frese überzeugt.

Zumal es nicht allein um die vermietete Fläche gehe, sondern auch um gute Veranstaltungen. So gestaltet die Telekom einen Tag das Bühnenprogramm, natürlich gegen Gebühr. „Wir wollen nicht in ‚Länge mal Breite‘ denken“, betont Frese.

Ein neues Konzept, zehn Bühnen, eine größere Präsenz in der Hannoveraner Innenstadt samt Abschlusskonzert – dafür investiert die Messe massiv. Wie viel, schlüsselt das Unternehmen nicht auf. Trotzdem sei die Cebit weiterhin eine profitable Veranstaltung, erklärt Frese. 

Krawatte und Kapuzenpulli, Geschäft und Spaß – passt das zusammen? Kommt der neue Termin kurz vor der Ferienzeit bei den Geschäftsleuten an, die für den Umsatz sorgen? Wird das Wetter gut genug, um Konzerte zu veranstalten? Und ist die Deutsche Messe in der Lage, ein Festival zu gestalten? Nicht alle Aussteller sind davon überzeugt. Öffentlich äußert keiner Kritik, aber hinter vorgehaltener Hand machen viele deutlich: „Das ist die letzte Chance für die Cebit.“

Auch dürfte das neue Konzept einen alten Konflikt befeuern. Während einige Unternehmen sich auf Geschäftskunden konzentrieren wollen, ist anderen ein breites Publikum wichtig. Die Risiken sind der Messegesellschaft bewusst. „Die neue Cebit ist eine Riesenchance, um die Digitalisierung in Deutschland in den Fokus zu stellen“, sagt Frese: „Aber klar, das muss auch funktionieren.“

Der Messemanager hält es deshalb mit den Gründern, die nach Hannover kommen sollen: „Wenn man keinen Mut hat, entstehen auch keine Erfolgsgeschichten.“

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: IT-Messe erfindet sich neu - Die Cebit will zur Technologieshow werden

0 Kommentare zu "IT-Messe erfindet sich neu: Die Cebit will zur Technologieshow werden "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%