Jeremy Rifkin: Visionär ohne Sinn fürs Kleingedruckte

Jeremy Rifkin
Visionär ohne Sinn fürs Kleingedruckte

Schöne, vernetzte Welt: Der Ökonom Jeremy Rifkin glaubt, dass ein „Super-Internet der Dinge“ unsere Energieprobleme genauso überwindet wie den Kapitalismus. Eine Begegnung – und ein Versuch des Widerspruchs.
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HannoverJeremy Rifkin wedelt mit seinen Pappkärtchen die Fotografen davon. „Okay, ich wäre dankbar, wenn jetzt jeder mit einer Kamera nach hinten gehen würde“, ruft er ins Mikrofon in seiner rechten Hand, während die linke den Weg aus dem Saal deutet. Nach einigen strengen Blicken durch die runden Brillengläser ist Rifkin zufrieden. Während die Zuhörer noch einen Stapel mit seinen Aufsätzen durch die Sitzreihen reichen, hebt er die Stimme. „Das Bruttoinlandsprodukt“ – er macht eine Kunstpause – „verlangsamt sich.“

Es ist eine Situation, wie Rifkin sie liebt. Ein Saal voll Menschen will Mitte März auf der Cebit hören, wie er die Welt erklärt. Der Wissenschaftler, Autor, Redner und Berater hat im vergangenen Jahr wieder ein Buch herausgebracht, „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ heißt es auf Deutsch. Auf der IT-Messe in Hannover darf er den Geschäftsleuten erklären, wie funktionieren soll, was ihre VWL-Professoren früher als Utopie abgetan hätten. Dabei darf niemand ablenken.

Der 70-Jährige ist ein einflussreicher Denker. Einige seiner Bücher erreichen Millionenauflagen, Staats- und Konzernlenker lassen sich von ihm auf neue Ideen bringen. Kaum jemand vermag es, aktuelle Trends so griffig zu beschreiben. Doch seine ökonomischen Vorhersagen für die Zukunft gelten unter Fachleuten mindestens als gewagt, teils als utopisch, auf jeden Fall in vielen Details als angreifbar. Rifkin mag das große Szenario, nicht unbedingt die Nahaufnahmen.

Seine neue These: Ein „Super-Internet der Dinge“, das die Strom- und Transportnetze einschließt, soll nicht nur die Energieprobleme der Welt überwinden, sondern gleich auch den Kapitalismus in seiner heutigen Prägung. Und weil die USA immer noch voll auf Kohle und Öl setzen, kann sich Europa, dieser kriselnde Kontinent, mit Wind- und Sonnenkraft wieder an die Spitze der Weltwirtschaft katapultieren. Das klingt so verlockend, dass man den Amerikaner hier gerne hört.

Vor seinem Vortrag empfängt Rifkin in einem Café Journalisten. Wer vorgelassen werden will, so lässt die Pressestelle der Messe wissen, sollte zwei Artikel kennen: einen Aufsatz mit dem Titel „A Smart Green Third Industrial Revolution 2015 – 2020“ und ein Interview mit Wirtschaftsforschern von Goldman Sachs. Die Thesen des Forschers, komprimiert auf 17 Seiten. „Haben Sie meine Texte gelesen?“, fragt Rifkin zur Begrüßung freundlich.

Was man ihn fragt, ist dann egal. Er nutzt die Stichwörter, um innerhalb von zwei Sätzen auf sein Thema zu kommen. „Technologische Kräfte haben neue ökonomische Systeme erschaffen“, doziert er im Stakkatotempo. Drei Elemente seien besonders wichtig: neue Kommunikationstechnologien, um ökonomische Aktivitäten besser zu koordinieren; neue Energiequellen, um die Wirtschaft effizienter anzutreiben; und neue Transportmöglichkeiten, um Waren schneller in der Welt zu verteilen. In der ersten industriellen Revolution waren das beispielsweise Dampfkraft, Eisenbahn und Telegrafen.

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