Juristischer Trick
Docmorris.com investiert weiter in die Zukunft

Von Resignation ist nichts zu spüren. Trotz der Einstweiligen Verfügung gegen Docmorris.com verkauft die Internetapotheke weiter Medikamente nach Deutschland.

KERKRADE. In der großen Halle der Internetapotheke Docmorris, dort wo in Regalen die im Vergleich zu Deutschland wesentlich günstigeren Medikamente lagern, markieren schwarz-gelbe Klebestreifen auf dem Boden eine rund hundert Quadratmeter große Fläche. Hier wird in zwei Wochen ein so genannter Kommissionier-Apparat aufgebaut, so wie er auch bei Pharmagroßhändlern steht. Kosten: mehr als 300 000 DM, für ein Start-up viel Geld. Eine Skizze an der Wand zeigt, wie in Zukunft die Arbeit organisiert wird. Die Maschine soll wie ein Roboter automatisch Pillen und Pasten aus den Regalen fischen und in Pappkartons verpacken.

Bauland, falls es zu klein wird

Auch wenn die Maschine arbeitet, wird die angemietete Halle noch ausreichend Platz für Expansionen bieten. Aber trotzdem denkt Vorstandschef Ralf Däinghaus bereits einen Schritt weiter und zeigt nach rechts: „Dort sind noch 1 000 Quadratmeter Bauland, falls es uns zu klein wird.“ Eine zweite Finanzierungsrunde steht scheinbar kurz vor dem Abschluss. In diesem Jahr hatte die Hamburger Wagniskapitalgesellschaft Techno-Nord vier Millionen Mark in das Start-up investiert und hält dafür 40 Prozent der Anteile.

Der 33-jährige Däinghaus versprüht überraschend viel Optimismus für einen Firmengründer, der die deutsche Pharmalobby gegen sich aufgebracht hat, immer mit einem Bein im Gefängnis steht und deswegen mittlerweile in die Niederlande umgezogen ist. Die Auseinandersetzung ist nicht gewollt, aber in Kauf genommen. Die Internetapotheke verstößt klar gegen das deutsche Versandverbot für Medikamente aus dem Arzneimittelgesetz, glaubt aber europäisches Recht auf ihrer Seite zu haben.

Erfolg für den Apothekerverband

Zwei Anträge auf Einstweilige Verfügungen vor den Landgerichten Hamburg und Berlin scheiterten zwar, eine Einstweilige Verfügung des Stuttgarter Landgerichtes blieb wirkungslos. Aber dann konnten der Apothekerverband und eine Bayertochter vor dem Landgericht Frankfurt den Erfolg verbuchen, das Docmorris keine Medikamente mehr nach Deutschland versenden darf.

Diese Verfügung umgeht die Internetapotheke durch einen Trick. Sie versendet die Medikamente nicht mehr, sondern lässt sie formal von ihren Kunden durch einen Kurier abholen und übernimmt die Kosten, „die in den Preisen bereits drinstecken“, sagt Marketingdirektor Jens Apermann. Auch adressiert Docmorris sein Angebot nicht mehr an „deutsche Adressen, sondern an alle deutschsprachigen Europäer“. Die Gegenstrategie stammt von dem Hamburger Anwalt Thomas Diekmann, der bereits weitere juristische Schritte ersonnen hat, um die Angriffe aus der Pharmawirtschaft zu parieren. „Unsere Anwaltskosten sind beträchtlich“, räumt der gelernte Informatiker Däinghaus ein, „dafür sparen wir hohe Marketingkosten.“

Denn das juristische Katz- und Mausspiel scheint der niederländischen Internetapotheke kaum zu schaden, im Gegenteil. Die Auseinandersetzung mit der Pharmawirtschaft hat dem Start-up eine Popularität auf dem deutschen Markt verschafft, von der die anderen Internetapotheken in den Niederlanden und Großbritannien nur träumen können.

"Hamsterkäufe verunsicherter Patienten"

Nach der jüngsten Einstweiligen Verfügung gerieten zwar die Gespräche mit den grundsätzlich positiv eingestellten Krankenkassen ins Stocken, aber die Bestellungen der Kunden verdreifachten sich, zumindest kurzfristig. „Das waren Hamsterkäufe verunsicherter Patienten“, glaubt Marketingdirektor Jens Apermann. Dann pendelten sich die Verkaufszahlen wieder auf das alte Niveau ein. Täglich verlassen etwa 150 Päckchen die große Halle, seit der Gründung im Juni 2000 registrierte Docmorris 13.000 Kunden.

Mittlerweile machen sich auch die Beamten im Bundesgesundheitsministerium ernsthaft Gedanken über eine Änderung des deutschen Arzneimittelgesetzes, das - anders als in den Niederlanden, Großbritannien und den USA - den Versand von Medikamenten über das Internet verbietet. Zum Expertenhearing in Bonn am 13. Dezember sind auch Vertreter der „European Association of Mail Service Pharmacies“ eingeladen. Den Verband hatte Docmorris.com jüngst mitbegründet.

Der erste Nachahmer

Auch die Apotheker reagieren auf den Internethandel, der in den USA bereits zum Alltag gehört. „Möglicherweise werden wir intensiv über Zustellungsmöglichkeiten per Boten nachdenken müssen“, räumt Apotheker Peter Ditzel, Chefredakteur und Herausgeber der Deutschen Apotheker Zeitung, ein. Mit Phaona hat sich bereits eine zweite niederländische Apotheke gefunden, die über das Internet Pillen und Pasten nach Deutschland liefern will und dafür gleich drei Anwaltskanzleien beschäftigt.

Die Idee für Docmorris wurde in Hamburg geboren. Däinghaus, der bereits eine andere Firma durch Verkauf an Loewe versilbert und dann bei Burda New Media ein Cyber Laboratorium geleitet hatte, suchte vor zwei Jahren nach einem neuen Projekt und entwickelte gemeinsam mit Techno-Nord-Chef Gottfried Neuhaus das Konzept für Docmorris. „Warum sollten wir einen E-Commerce-Shop eröffnen, der Konkurrenz zu Otto, Schlecker oder Douglas macht?“ sagt Däinghaus, „das können die doch viel besser.“ Bei Apotheken dagegen gibt es in Deutschland keine Ketten, jeder Pharmazeut darf nur eine Apotheke besitzen. 22.000 verschiedene Betriebe existieren in Deutschland. Sie alle verkaufen Medikamente, die zumeist teurer sind als die ihrer Kollegen in den Niederlanden.

Partner in den Niederlanden gesucht

Däinghaus und Neuhaus wussten, dass eine Internetapotheke in Deutschland sofort geschlossen würde, und suchten daher nach einem Partner im logistisch gut gelegenen Limburg. Sie fragten bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft in Maastricht an, die an den Limburger Apothekerverband weiter vermittelte, in dessen Vorstand der Apotheker Jacques Waterval sitzt.

Nun hält Waterval 12 Prozent an Docmorris. Der Pharmazeut ist wichtig für die Internetapotheke, er besitzt die erforderliche Apothekerlizenz, ohne ihn läuft nichts, auch nicht in den liberalen Niederlanden. Für drei Monate hatte er Docmorris in seiner Anfang des Jahres gekauften „Apotheek van Wersch“ untergebracht, die älteste Apotheke im Ort. Sie erinnert noch an Zeiten, in denen Apotheker in den Niederlanden wesentlich mehr Verantwortung trugen als heute. In dem alten Labor im Erdgeschoss überprüfte früher Watervals Vorgänger die gelieferten Medikamente. Die chemischen Substanzen lagern noch heute im Keller, Methanol zum Beispiel oder Kupfer. „Das brauchen wir nicht mehr“, sagt Waterval, „heute garantieren die Hersteller die Qualität der Medikamente.“ Im modernen Labor dagegen mischt er noch Salben an oder Augentropfen.

In der Internetapotheke sucht man nach einem solchen Labor vergeblich. Docmorris besteht nur aus einem Lager, Büros und einem Aufenthaltsraum, in dem ein Flipper steht. Auch die Videos über Krankheiten, die noch im Keller der „Apotheek van Wersch“ lagern, braucht Waterval für seine Onlineapotheke nicht mehr. „Im Internet kann man sich das direkt anschauen.“ Das es soweit kommt, also Docmorris nicht geschlossen wird, davon sind Waterval und Däinghaus überzeugt. „Wir halten durch, bis wir schwarze Zahlen schreiben“, sagt Däinghaus, „und besitzen starke Verbündete bei den Krankenkassen und in der Ärzteschaft.“

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