Kai-Uwe Ricke und die Deutsche Telekom
Amerikanische Verhältnisse

In kaum einem anderen deutschen Unternehmen lässt sich die Geschichte der Globalisierung so gut verfolgen wie bei der Deutschen Telekom. Wie Internationale Investoren den Konzernchef Kai-Uwe Ricke entmachtet haben. Eine Handelsblatt-Reportage.

NEW YORK. Die Krawatte hat er im Hotelzimmer gelassen, den Anzug ebenso. In blauem Pullover und sportlicher Baumwollhose kommt Kai-Uwe Ricke in die legendäre Oyster Bar in den Katakomben der Grand Central Station in New York. Er schlängelt sich vorbei an dem Becken mit lebenden Hummern, vorbei an den Kellnern, die Tabletts mit enormen Mengen von Lachs, Austern und Scampi durch das gekachelte Gewölbe balancieren. An einer der mit rotweiß karierten Tischtüchern bedeckten Tafeln nimmt er schließlich Platz. Gut ein Dutzend Journalisten wartet hier schon auf ihn.

Sie erleben Ricke so entspannt und aufgeräumt wie schon lange nicht mehr. Er erzählt von seinem Segelurlaub, macht Witze über die Qualität der US-Biere und die Vorliebe der Amerikaner für Austern mit Ketchup. Es ist der 5. Oktober, genau 38 Tage wird Ricke noch Chef der Deutschen Telekom sein. Er ist extra nach New York gereist, um endlich wieder gute Nachrichten zu verkünden. Am nächsten Morgen wird er die Milliardeninvestitionen des Konzerns in die amerikanische Mobilfunktochter erläutern. T-Mobile USA glänzt von Quartal zu Quartal mit imposanten Wachstumsraten und kompensiert die Schwächen der Telekom in der Heimat. Kai-Uwe Ricke – er hätte ein Gewinner der Globalisierung sein können.

Acht Blocks nördlich von der Oyster Bar entfernt sitzt Stephen Schwarzman in seinem Büro in der Park Avenue, im 31. Stock eines Wolkenkratzers aus hellem Beton mit verspiegelten Fenstern. Er ist es, der Ricke gut fünf Wochen später zu einem Verlierer der Globalisierung machen wird.

Von seinem Schreibtisch aus schaut Schwarzman auf ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert. Es zeigt die Seeschlacht vor Texel zwischen Holländern und Engländern. Ähnlich ambitionierte Züge wie den damals kämpfenden Nationen werden Schwarzman auf den Kapitalmärkten nachgesagt. Der eher kleine Mann mit den stahlblauen Augen und dem bohrenden Blick ist Chef der Blackstone Group, einer Firma, die Unternehmensanteile kauft und verkauft. Das Geld kommt von privaten Anlegern weltweit. Franz Müntefering hat solche Finanzinvestoren wegen ihrer mitunter rüden Geschäftsmethoden Heuschrecken genannt.

Blackstone hat auch Anteile an der Telekom, 4,5 Prozent, und einen Sitz im 20-köpfigen Aufsichtsrat des Konzerns. Seit ein paar Monaten arbeitet Schwarzman auf eines hin: die Ablösung des Telekom-Chefs. Anfang Oktober, während Ricke 15 Gehminuten von Blackstones Hauptquartier entfernt feiert, steht Schwarzman bereits kurz vor dem Ziel.

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