Kampf gegen die Kostenloswelle
Lizenz zum Datenraub

Die Musikindustrie klagt schon seit langem über Umsatzeinbußen durch Raubkopierer. Auch in den ersten Monaten dieses Jahres ist der CD-Verkauf noch einmal dramatisch eingebrochen. Doch die Branche will sich nicht kampflos ergeben und setzt auf Detektive im Internet. Wie ein Hamburger Unternehmen im Auftrag der Plattenfirmen nach illegal kopierter Musik fahndet.

HAMBURG. Es wird noch einige Wochen dauern, bis „Knülle“ merkt, dass er ein Problem hat. Ein Großes. Mit seiner umfangreichen Musiksammlung, die er im Internet auf den Seiten einer Musiktauschbörse anbietet. Christiano, eine Art Onlinedetektiv, ist gerade auf Knülles Liederpaket gestoßen. Sofort setzt er seine Kopfhörer auf – Volltreffer, er hat gefunden, wonach er sucht: „Geile Zeit“, die Originalaufnahme des Liedes der deutschen Popband Juli, gehört auch zu Knülles Sammlung.

Christiano lädt sich die Datei herunter. Er sichert penibel die dazugehörige Internetadresse von Knülle und andere Daten, macht ein Foto von seinem Computerbildschirm – ähnlich wie bei einem, der zu schnell gefahren ist und dabei geblitzt wird, dient dieses Foto später als Beweis. Mit allen Unterlagen geht der Fall, wie rund 150 weitere an diesem Tag, die Christiano und seine Kollegen aufspüren, an die Rechtsanwaltskanzlei Rasch, die in dieser Sache die Staatsanwaltschaft einschaltet – wegen des Verdachts, Urheberrechte verletzt zu haben.

400 Millionen illegale Musikdownloads pro Jahr

Christiano, der Onlinedetektiv, arbeitet bei Promedia – einem Unternehmen mit 86 Mitarbeitern mit Sitz im Hamburger Norden. Promedia hat die Lizenz, illegale Musik im Internet herunterzuladen – und zwar legal. Im Auftrag von 400 Plattenfirmen jagen Beschäftigte des Unternehmens Onlinepiraten auf Tauschbörsen wie „Soulseek“, „eDonkey“, „Emule“, „Bearshare“ und wie die Nachfahren von Napster sonst noch alle heißen – Napster, die Legende aus dem Silicon Valley, nach der in der Musikindustrie nichts mehr so war wie vorher.

Nach Angaben des deutschen Phonoverbands, der hinter Promedia steht, hat sich die Zahl der illegalen Musikdownloads bei 400 Millionen pro Jahr eingependelt. Verbandsmanager Stefan Michalk zuckt die Schultern. „Na ja, immerhin steigt es nicht mehr“, sagt er.

Am Donnerstag wird der Phonoverband in Berlin die neuesten Zahlen zum Musikmarkt präsentieren. Branchenexperten erwarten keine guten Nachrichten. Wenn die USA den Trend vorgeben, wird es sogar richtig bitter. Da ist laut Nielsen Soundscan der CD-Verkauf in den ersten Monaten dieses Jahres noch einmal dramatisch eingebrochen. Knapp 89 Millionen Silberlinge wurden verkauft, fast 24 Millionen weniger als im Vorjahreszeitraum. Und niemand in der Branche zweifelt daran, dass der kostenlose Musiktausch über das Internet einen enormen Anteil an der Entwicklung hat.

In Hamburg will man sich dieser Kostenloswelle entgegenstemmen. „Wenn wir wirklich wollten, könnten wir alle kriegen“, behauptet Clemens Rasch, Anwalt und Geschäftsführer von Promedia trotzig. Internetzugangsanbieter wie die Deutsche Telekom und ihre Konkurrenten haben schließlich alle Daten über ihre Kunden und rücken die auch raus – auf Anfrage der Staatsanwaltschaft.

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