Kartellamt kritisiert Verflechtungen der Medienkonzerne beim Druckriesen Prinovis Springer greift Bertelsmann in Deutschland an

Über die Konkurrenz redet Mathias Döpfner nicht gerne. Doch als der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG am Freitag Nachmittag im Königssaal im Hotel „Bayerischer Hof“ die Übernahme des Fernsehkonzerns Pro Sieben Sat 1 verkündete, fiel mehrmals der Name Bertelsmann. „Damit entsteht für Bertelsmann erstmals ein ernster Wettbewerber“, sagte Döpfner unter anderem.
Springer-Chef Mathias Döpfner kauft vom US-Milliardär Haim Saban Deutschlands größten TV-Konzern Pro Sieben Sat1. Foto: dpa

Springer-Chef Mathias Döpfner kauft vom US-Milliardär Haim Saban Deutschlands größten TV-Konzern Pro Sieben Sat1. Foto: dpa

DÜSSELDORF. Für Bertelsmann ist der Verkauf von Pro Sieben Sat 1 an Springer eine ernste Herausforderung. Denn Europas größter Medienkonzern erwirtschaftet noch immer knapp 30 Prozent seines Umsatz von 17 Mrd. Euro im Heimatmarkt. Vor allem für den Gewinnbringer RTL Group spielt Deutschland eine zentrale Rolle. Die größte Konzerntochter von Bertelsmann ist hier zu Lande mit den Sendern RTL, Vox, Super RTL, N-TV und RTL Shop vertreten.

Die Folgen der über vier Mrd. Euro teuren Übernahme von Pro Sieben Sat 1 durch den „Bild“-Konzern sind für den deutschen Medienmarkt noch nicht abzusehen. Nur so viel ist klar: Sowohl Pro Sieben Sat 1 als auch RTL kämpfen gegen einen rückläufigen Werbemarkt. Guillaume de Posch, Vorstandschef von Pro Sieben Sat1, sprach zuletzt von einem Minus von zwei Prozent. Die RTL-Deutschlandchefin Anke Schäferkordt rechnet sogar mit einem Rückgang der Werbeerlöse von drei bis vier Prozent. Michael Grabner, stellvertretender Geschäftsführungs-Vorsitzender der Holtzbrinck-Gruppe, sieht „eine große Medienmacht entstehen, sowohl publizistisch als auch auf den Werbemärkten“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Holtzbrinck will beim Kartellamt deutlich Stellung beziehen gegen die Übernahme.

Bei Pro Sieben Sat 1 erwartet derzeit niemand einen schnellen Aufschwung. Daher setzt das Management auf eine enge Kooperation bei Inhalten und Werbung. „Bild“ wird versuchen, den konzerneigenen Fernsehsendern mit ihrer Werbekraft den Rücken zu stärken – und umgekehrt. Bertelsmann kennt die Vorteile einer engen Verzahnung von Print und TV nur zu gut: RTL hat im Duett mit „Bild“ bewiesen, wie aus einer mäßig inszenierten Talentshow namens „Deutschland sucht den Superstar“ eine Gelddruckmaschine werden kann. RTL erzielte traumhafte Zuschauerquoten, „Bild“ erhielt exklusive Geschichten um die „Superstars“, und die Bertelsmann-Musiktochter verkaufte Millionen CDs.

Das Duell zwischen Springer und Bertelsmann hat bereits begonnen. RTL bereitet sich seit Monaten auf den Verlust der Werbemaschine „Bild“ vor. Der TV-Konzern spricht mit den skandinavischen Verlagen über eine gemeinsame Gratiszeitung in Deutschland. Gerhard Zeiler, Vorstandschef der RTL Group, stellte vor kurzem in Berlin klar, er halte sich alle Optionen offen. Zudem ist er überzeugt, dass sich auch „Bild“ auf Dauer nicht der Zugkraft von Deutschlands erfolgreichsten Privatsender RTL entziehen kann. Die Nagelprobe steht demnächst an: Im September startet die dritte Staffel der „Superstars“.

Bei RTL glauben manche, dass der Angriff angesichts der knappen Kassen bei Springer eher bescheiden ausfallen wird. „RTL ist in einer guten Ausgangslage, denn Springer wird nicht viel Geld in die Sender investieren können“, sagt ein RTL-Manager. Bei der Konzernmutter herrscht Gelassenheit. „Es gibt null Aufgeregtheit“, sagte ein Vertrauter eines Vorstands. Dennoch wurde im Vorstand bereits über Gegenstrategien diskutiert. Vorstandschef Gunter Thielen wollte sich nicht äußern.

Die Übernahme von Pro Sieben Sat 1 durch Springer wird nicht nur von Bertelsmann kritisch beäugt. Auch das Bundeskartellamt will den Coup sorgfältig prüfen. Kartellamtspräsident Ulf Böge sagte der „Süddeutschen Zeitung“, erstmals werde seine Behörde die cross-medialen Effekte untersuchen. Dafür kann sich das Kartellamt bis zu vier Monate Zeit nehmen. Böge unterstrich, dass es keine Verflechtungen zwischen den Giganten Bertelsmann und Springer geben dürfe, weil sonst potenzieller Wettbewerb wegfiele. Erst Anfang Mai hatten Bertelsmann und Springer ihre Tiefdruckerei in Deutschland im Konzern Prinovis vereint. Böge warnte, dass dadurch eine mittelbare Verflechtung der beiden TV-Familien von Springer und Bertelsmann entstehen könnte. Das könne Effekte auslösen, die zu einem wettbewerbslosen Oligopol auf dem Werbemarkt im Fernsehen führen.

Bedenken gegen eine Fusion kamen auch aus den Reihen der Regierung. Der SPD-Vizefraktionschef Ludwig Stiegler sagte dem „Spiegel“ : „Springer sollte sich nicht zu früh freuen. Ich bin mir sicher, die Kartellbehörden werden bei der Fusion genau hinschauen.“

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