Kein Wachstum in Sicht
Twitter in der Sackgasse

Schlimmer geht es kaum noch: Twitter kann sein größtes Problem derzeit nicht lösen, räumt der Vorstand kleinlaut ein – es wird kein Wachstum geben. Das Unternehmen verbrennt Geld. Die größte Hoffnung ist eine Übernahme.
  • 0

San FranciscoAnthony Noto machte es kurz und bündig: „Wir erwarten kein nachhaltiges und signifikantes Wachstum bei den monatlichen aktiven Nutzern bevor wir nicht den Massenmarkt erreicht haben. Wir erwarten, dass das eine geraume Zeit in Anspruch nehmen wird.“

Es waren genau zwei Sätze, mit denen der Finanzvorstand des Kurzmitteilungsdienstes Twitter am Dienstag die nachbörsliche Kursparty beendet hat. Zunächst war die Aktie um bis zu zehn Prozent gestiegen, weil Umsatz und Ertrag im zweiten Quartal 2015 über Erwartung eingefahren wurden. Doch das Nutzerwachstum war weiter anämisch. Mit 316 Millionen sind es nur acht Millionen mehr als im 1. Quartal. Und in dem Stil werde es auch weitergehen. Die Hoffnungen, jemals Facebook mit über 1,4 Milliarden Nutzern einzuholen, sind offiziell begraben. Die Kursgewinne schmolzen ab. Dann machten Notos Sätze klar: Das ist kein Zufall. Das Problem hat System und das wird sich so schnell nicht ändern. Die Aktie sackte bis zu zwölf Prozent unter den Schlusskurs.

Es kommt einfach alles zusammen: Twitter gewinnt zu wenige Kunden, kann Interessenten sein Produkt nicht richtig erklären, findet keinen neuen Vorstandschef und das Mittelmanagement verabschiedet sich in Scharen. Todd Jackson, zuvor Director Produktmanagement, geht zu Dropbox, Christian Oestlien; Vice President Produktmarketing geht zu Googles Youtube, wurde am Dienstag bekannt. Vorstandschef Dick Costolo hatte im Juni 2015 hingeworfen. Im Juni 2014 verließ COO Ali Rowghani das imposante Hauptquartier an der Market Street in San Francisco, gefolgt von Kommunikationschefin Chloe Sladden, Finanzvorstand Mike Gupta und hunderten weiteren Mitarbeitern. Die Financial Times hat „mindestens“ 450 Abgänge bis heute gezählt.

Für Übergangschef Jack Dorsey ist das eine echte Herausforderung. Im Haifischbecken Silicon Valley tobt ein gnadenloser Kampf um Talente. Wie prekär die Lage bei Twitter ist, zeigt eine Zahl: Zusammen 175 Millionen Dollar in Aktien bekamen die verblieben Mitarbeiter im Quartal, um sie bei Laune zu halten.

Das ist selbst im Silicon Valley eine Menge, es ist immerhin fast ein Drittel des Umsatzes von 545 Millionen Dollar, ein Plus von 63 Prozent zum Vorjahr. Das ist der gute Teil der Nachricht. Der Schlechte: Der Nettoverlust beträgt 136 Millionen Dollar. Erst „bereinigt“ um die Aktien für die Mitarbeiter wird ein Gewinn von 48 Millionen Dollar daraus, wie Dorsey den Analysten vorrechnet.

Es ist ein gutes Zeichen, wenn mehr Geld mit den bestehenden Kunden gemacht wird. Aber die Grenzen sind klar sichtbar, wenn keine neuen dazukommen. Obwohl jedermann Twitter kennt und kein sportliches oder politisches Großereignis mehr ohne Twitter stattfindet, bleibt der Dienst ein Nischenangebot. Dabei kann man Ex-Chef Costolo Untätigkeit jedenfalls nicht vorwerfen.

Seite 1:

Twitter in der Sackgasse

Seite 2:

Hoffen auf Google

Kommentare zu " Kein Wachstum in Sicht: Twitter in der Sackgasse "

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%