Klassische Musik: Große Stars statt großer Klänge

Klassische Musik
Große Stars statt großer Klänge

Klassische Musik schafft es selten in die Charts. Doch es gibt Hoffnung, denn berühmte Künstler kurbeln die Verkaufszahlen an. Auf diese Weise erreicht sie auch jüngere Hörer. Das ist dringend nötig: Die Überalterung des Publikums macht der Branche zu schaffen.
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DÜSSELDORF. Martin Stadtfeld ist ein Glücksfall für die klassische Musik: Er sieht passabel aus, ist jung, kann reden - und vor allem Klavier spielen. Seitdem er 2003 im Alter von 23 Jahren Bachs Goldberg-Variationen gekonnt einspielte, liebt ihn das Publikum - selbst wenn die Kritik ihn oft schmäht. Verkaufszahlen von 30 000 erreichen seine Platten locker. Für die Klassikbranche sind das Traumzahlen, denn klassische Musik schafft es selten in die Charts. Solche jüngeren Helden braucht die Klassikbranche - und zwar dringend.

Noch immer sind Menschen ab 70 die stärkste Käuferschicht. Doch es gibt Hoffnung: Drei Prozent hat die Klassik bei den Verkäufen zwischen Juli 2009 und Juni 2010 nach bisher unveröffentlichten GfK-Marktforschungs-Zahlen im Auftrag des Bundesverbands der Musikindustrie, die dem Handelsblatt vorliegen, zugelegt. Der Anteil der 40 bis 49-Jährigen Käufer stieg von 17 auf 22 Prozent, bei den bis 29-Jährigen immerhin von fünf auf sechs Prozent.

Nicht nur die Überalterung des Publikums macht Konzertveranstaltern, Opernhäusern und Plattenfirmen zu schaffen. Es ist auch der Umbruch der gesamten Musikbranche. Zwar spielt Musik aus dem Internet in der Klassik wegen des weniger computerverliebten Publikums und der oft schlechteren Tonqualität eine geringere Rolle als bei Popmusik. Doch Michael Brüggemann, Klassik-Chef bei Sony Music in München, sieht die Bedeutung des großen Repertoires an älteren Aufnahmen, des Back-Katalogs der Plattenfirmen, schwinden. "Generell hatte der Back-Katalog in den früheren Jahren einen größeren Anteil im Markt. Dieser schrumpft mit den Verkaufsflächen für Musik in den Elektronikfachmärkten."

Einerseits bedeutet das: Klassikfreunde kaufen CDs im Internet bei Amazon oder JPC, Fachhändler wie Dussmann in Berlin und Beck in München punkten bei passionierten Musikfreunden. Um das breite Publikum zu erreichen, muss die Branche aber auch Ketten wie Mediamarkt oder Saturn erreichen. "Das Geschäft geht daher in Richtung Neuheiten, die wir aggressiv anschieben", so Brüggemann. Dazu gehören Klassik-Charts als Marketing-Instrument.

Das hat Auswirkungen auf die Musik, die die Plattenfirmen vermarkten: Simone Kermes zum Beispiel präsentiert sich nicht nur optisch als attraktive, schlanke Sopranistin, sie bringt auch Neuentdeckungen aus dem Barock - zwischenzeitlich vergessene Klänge - auf CD. Universal Music vermarktet etwa Thomas Quasthoff, künstlerisch wie körperlich eine besondere Persönlichkeit. "Jede CD versucht heute, ein Unikat zu sein", sagt Brüggemann. Trotzdem: Sperrige neue Musik hat in der Star-Vermarktung wenig Platz, obwohl sie naturgemäß oft Ersteinspielungen bietet.

Künstler bei Hauptschülern zu Gast

Weil Fachhändler fehlen, sieht Brüggemann die Plattenfirmen in der Pflicht, auch Klassiker wie den Piano-Rebellen Glenn Gould immer wieder neu aufzulegen. Neuauflagen bringen zudem Umsätze, ohne große Produktionen stemmen zu müssen. Trotzdem kommen sie in die schmaleren CD-Verkaufsregale, in denen ältere Aufnahmen inzwischen fehlen.

Auch wenn die neue Art der Vermarktung junge Zielgruppen offensichtlich besser erreicht: Hauptkunden bleiben leidenschaftliche Ältere - als Konzertbesucher und als Käufer. Sie sorgen dafür, dass die Hälfte des Umsatzes noch von kleinen, oft spezialisierten Labels kommt.

"Beim Thema junge Hörer müssen alle an einem Strang ziehen", sagt Brüggemann. So präsentiert etwa Konkurrent und Marktführer Universal mit seinem Label Deutsche Grammophon junge Klassik-Stars und DJs seit 2003 in Clubs wie dem Berliner Berghain. Das Konzerthaus Dortmund als relativ neues Haus holt Pop-Bands unplugged ins Haus und veranstaltet eine Reihe "Junge Wilde". Auch Martin Stadtfeld war hier schon zu Gast - und besucht Schüler in Hauptschulen, um sie für Klassik zu begeistern.

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