Konkurrenz durch Start-up Aereo
Amerikanisches Kabelfernsehen vor dem Abgrund

Dieser Prozess könnte die amerikanische TV-Landschaft umkrempeln: Das Start-up Aereo hebelt das Geschäftsmodell der Kabelanbieter aus. Jetzt entscheidet der Oberste Gerichtshof, ob der Trick des Angreifers rechtens ist.
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San FranciscoSo muss die Hölle aussehen. Jedenfalls dann, wenn man ein Anbieter von Kabelfernsehen ist. Mit einem einfachen Trick hebelt ein Start-Up-Unternehmen das lukrative Geschäftsmodell einer ganzen Branche aus und ist seit zwei Jahren durch Nichts zu stoppen. Ab heute muss sich der oberste Gerichtshof der USA in Washington mit dem Fall Aereo befassen, und es geht für alle Beteiligten um alles oder nichts. Urteilt er wie die Vorinstanzen, dann stehen für Comcast, Time Warner Cable & Co Milliarden Dollar an Umsatz im Feuer – und TV in den USA wird nie mehr das sein, was es einmal war.

Der frühere Paramount-, QVC- und Fox-TV-Manager Barry Diller hat nicht immer Glück gehabt im Internet-Geschäft. An seine Suchmaschine Ask.com mit Sitz in Oakland, Herausforderer von Google, erinnert sich heute kaum noch jemand. Aber mit Aereo hat der alte Haudegen der TV-Industrie einen absoluten Überraschungscoup gelandet. Für die einen ist das 2012 gegründete Unternehmen nichts anderes als die Wiedergeburt der Musik-Raubritterplattform Napster für TV-Sender, für die anderen ist es der lang erwartete Fangschuss, der eine der am stärksten verkrusteten und selbstgefälligsten Branchen der Unterhaltungsindustrie zur Strecke bringen könnte.

Zuerst als frech und anmaßend verlacht, erwies sich Aereo als unerwartet zäh. Der Webdienst liefert seinen Kunden gegen eine Gebühr von acht Dollar im Monat TV-Sender wie ABC oder CBS auf Fernseher, Smartphone, Tablet oder PC. Nichts umwerfendes, sollte man meinen. Doch Aereo zahlt den TV-Sendern dafür, anders als die Kabelbetreiber, keinen einzigen Cent.

Ein klarer Fall von Urheberrechtsverletzung, war der erste Gedanke der TV-Gewaltigen, die schnell wieder zum Tagesgeschäft übergingen: Wie erfinde ich ständig neue Gebühren für die Kunden und wie gestalte ich die Programmbündel so unattraktiv wie möglich, damit der Kunde so viel wie möglich abonnieren muss. Das Risiko dabei ist überschaubar: Kabelanbieter wie Comcast haben in ihren Verbreitungsgebieten praktisch keine ernsthafte Konkurrenz.

Doch die TV-Manager hatten nicht mit der Gerissenheit des in San Francisco geborenen Diller gerechnet. Er hatte den Stein der Weisen gefunden, die Achillesferse der Quasimonopolisten, die eine, entscheidende Lücke im Gesetz. Der Fall „American Broadcasting Companies, Inc vs. Aereo, Inc“ zog sich von Instanz zu Instanz und jedes Mal gewann der Neuling.

In den USA gibt es traditionell drei Möglichkeiten, TV zu sehen: Über Antenne, kostenlos, oder über einen Kabel-TV- oder Satellitenanbieter, dann gegen entsprechendes Entgelt.

Aereo nun simuliert den Antennenempfang über das Internet. In großen Lagerhäusern stehen zigtausende Antennen, jede nicht größer als eine 25-Cent-Münze. Die greifen die Signale der Sender ab und senden sie per Internet weiter auf die Empfangsgeräte.

Wichtig dabei: Pro Antenne gibt es immer nur einen Empfänger. Denn das ist der Trick. Damit ist es nach US-Recht kein „Broadcast“, keine öffentliche Vorführung, so wie bei einem Kabelunternehmen. Es ist eine private Vorführung. Und für die muss, so argumentiert Aereo, auch keine Gebühren bezahlt werden. Nur weil die Antenne nicht auf dem Dach des Kunden, sondern im Lagerhaus steht, wird das Recht nicht ausgehebelt. Bislang folgten zum Entsetzen der Sender und TV-Kabelanbieter alle Richter der Argumentation.

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Amerikanisches Kabelfernsehen vor dem Abgrund

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Urteil hat Folgen für die gesamte Internet-Branche

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  • Zum Glück ist dieser Cowboy Kapitalismus bei uns im alten Europa nicht möglich. Hier zahlt man noch die Demokratieabgabe - die einen irgendwie an die Freedomfries nach 9/11 erinnert. Dank der GEZ würde man soeinen einfach ins Gefängnis werfen, bzw. Er hätte garkeinen Markt und die Bürger würden nur saubere NAchrichten bekommen. Nicht diesen FOX NEws mist, der für so undinge wie Steuersenkungen und die Freiheit des einzelnen steht.

  • Die ÖR´s (GEZ) hier für Ihre angebliche Programmvielfalt, technische Entwicklung und Kultur zu verherrlichen zeigt doch mal wieder die nicht vorhandene Weitsicht. Die über 8 Mrd. € zwangseingetriebenen Gebühren und die daraus resultierenden Inovationsfaulheit wird hier scheinbar vergessen....von den Einfluss der Politik und den ach so eloquenten einseitigen Nachrichten mal ganz abgesehen.....

  • Nun....abgesehen davon, dass dies nicht das Einzige ist, was in den USA vor dem Abgrund steht.....(Polemik aus :-)
    Die Amerikaner haben wenigsten die Möglichkeit zu Wählen, aber dies zeichnet eben einen Vasallen wie Deutschland aus, dass seine Einwohner dies eben nicht können !
    In Deutschland muss jeder der eine Wohnung besitzt für einen Fernseher zahlen. Auch für Wohnungen die vermietet werden sollen, aber gerade leerstehen muß gezahlt werden. Wenn man sich im Ausland aufhält (z.B. mehrere Jahre beruflich) muss man zahlen.
    Das Problem dabei, es gibt keine ausreichend große Lobby für Leute, welche keinen Fernseher brauchen oder wollen. Also ist es leicht so eine Zwangsabgabe zu verhängen.
    Es wird Zeit, dass sich in diesem Land etwas gewaltig ändert, zugunsten eines mündigen Bürgers.

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