Kostensenker mit Teenagergesicht Jüngster CEO der Welt hadert mit dem Alter

Durchs offene Fenster brandet Verkehrslärm, träge rührt ein roter Deckenventilator in der Tropenluft. Suhas Gopinath sitzt an einem Resopaltisch. Mit rosa Fliesen auf dem Boden und Kunststoffregalen an der Wand hat das Büro den Charme einer Waschküche. Nur ein Detail lockert die sonst so zweckmäßige Atmosphäre auf.
Ein Arbeiter vor einem Internetcafe in Bangalore. Foto: ap

Ein Arbeiter vor einem Internetcafe in Bangalore. Foto: ap

BANGALORE. An der Wand hängt ein Bild von Ganesh. Der Gott mit dem Elefantenkopf räumt gemäß hinduistischem Glauben alle Hürden beiseite, die den Menschen das Leben schwer machen.

Das hat auch Gopinath geschafft – zum Beispiel vor sechs Jahren, als der damals 13-Jährige eine Firma gründete. In Indien muss man dafür volljährig sein. Gopinath wich daher ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten aus und ließ sein Unternehmen Globals Inc. in Kalifornien eintragen. Das Gros seiner 600 Mitarbeiter sitzt noch im Silicon Valley. Mittlerweile ist Gopinath 19 Jahre alt und darf in seiner Heimat Unternehmer sein. Ohnehin seien die USA zu teuer. „Wir verlagern nun massiv Jobs nach Indien“, erklärt Gopinath, ein nüchterner Kostensenker mit dem Gesicht eines Teenagers.

Globals Inc. hat sich auf Webdesign, einfache E-Commerce-Anwendungen und Billig-Software für die Verwaltung von Schulen spezialisiert. Das Unternehmen beschäftigt Entwickler in San Jose, London und Bangalore, hat Kunden rund um die Welt, und der Chef ist zum Kinderstar der indischen Wirtschaft aufgestiegen. Medien riefen ihn zum „jüngsten CEO der Welt“ aus, und sogar der Präsident hat ihn empfangen.

Gopinath ist das Vorzeigebeispiel für eine neue Bewegung in Indien: Das Land bringt immer mehr junge Unternehmer hervor. „Dies ist vielleicht der wichtigste Vorteil des Landes im Wettlauf mit China“, sagt Tejpavan Gandhok von der Beratungsgesellschaft A.T. Kearney. Es ist kein Zufall, dass gerade in Indien die Zahl der jungen Unternehmer so hoch ausfällt. Das Durchschnittsalter der 1,1 Milliarden Inder liegt bei 24 Jahren, jeder Dritte ist unter 15. Nirgendwo sonst auf der Welt wird die Zahl der Arbeitssuchenden in den kommenden Jahren stärker anschwellen: um acht bis zehn Millionen pro Jahr. „Wir brauchen dringend mehr junge Gründer“, fordert Gopinath daher. „Junge Leute müssen selbst Jobs schaffen, anstatt welche zu suchen“, lautet sein Rezept gegen die Arbeitslosigkeit, die bereits über zehn Prozent gestiegen ist.

Die Gründer von Konzernen mit Milliardenumsätzen wie Infosys, Ranbaxy oder Reliance haben zudem ähnlich begonnen, in Schuppen und Wohnzimmern haben sie anfangs ihr Geschäft betrieben und sind später in die Weltliga aufgestiegen. Gopinath ist einer von Tausenden, die es ihnen nachmachen wollen. Jüngstes Beispiel sind drei Siebzehnjährige aus Bangalore, die eine Automatisierungs-Software entwickelt haben. In einer lokalen Fabrik ist sie bereits im Einsatz. Ihr Vorbild ist das gleiche wie das von Gopinath: Bill Gates.

Ein Handikap bleibt aber den jungen Unternehmern: „Mein Alter bleibt das größte Problem der Firma“, sagt Gopinath, und in seinen braunen Augen blitzt Wut auf – große Wut auf potenzielle Kunden, die ihm mit Blick auf sein Alter keinen Auftrag erteilten. „Viele messen uns nicht an unseren Leistungen.“

Das macht er anders: Das durchschnittliche Alter der Mitarbeiter in seiner Firma entspricht seinem eigenen. Fast niemand hat einen Uni-Abschluss, viele haben sogar die Schule abgebrochen. In Konkurrenz mit mehr als 1 000 in Bangalore ansässigen IT-Firmen kann sich kaum ein Start-up die Besten herauspicken, denn Riesen wie Infosys, HP oder IBM heuern im Silicon Valley Asiens jeden Monat jeweils 1 000 neue Ingenieure an. Durch diesen Einstellungsboom könnten Indien schon in fünf Jahren 500 000 IT-Kräfte fehlen, fürchtet die Unternehmensberatung McKinsey.

Gopinath hat aus der Personalnot längst eine Tugend gemacht. „Es gibt hier viele Talente ohne formale Ausbildung, die systematisch übersehen werden“, meint der frühreife Unternehmer, ein schmächtiger Junge mit feinem Flaum auf der Oberlippe und einem braven Seitenscheitel. Wer ihnen eine Chance gebe, werde mit ehrgeizigen, loyalen und billigen Mitarbeitern belohnt.

Gerade hat ihm ein Zwölfjähriger aus einem entlegenen Dorf seine Dienste angeboten. Wie man Internetseiten baut, hat sich der Junge in einem Internetcafé beigebracht – wie Gopinath. „Ein Naturtalent, von dem es hier Tausende gibt“, schwärmt der CEO beim Blick auf die eingeschickten Arbeitsproben. „Leider konnte ich ihn nicht einstellen“, bedauert er ohne jede Ironie, „das wäre ja Kinderarbeit.“

Draußen ist pechschwarze Nacht hereingebrochen, und eigentlich hängen jetzt Jungs in seinem Alter mit Freunden vor einem Kino herum, treffen sich mit Freundinnen oder drehen ihre Stereoanlage laut auf. „Manchmal fühle ich mich komisch“, gibt Gopinath zu, „ich kann mein Leben nicht so genießen wie meine Altersgenossen.“ Der jugendliche Eifer, der in ihm brodelt, hat ein anderes Ventil gefunden: „Unternehmertum ist ein Abenteuer“, schwärmt der Firmenlenker. Er spricht sehr schnell und mit großem Ernst. „Das Risiko des Scheiterns ist Teil dieses Kitzels.“

Nach der Arbeit geht Gopinath meist nach Hause. Bis heute wohnt er bei seinen Eltern – in einer für indische Städte typischen, schummrig beleuchteten Mittelklasse-Wohngegend. Im biederen elterlichen Wohnzimmer zeigt sich: Der Sohn eines pensionierten Wissenschaftlers musste enorme Durchsetzungskraft aufbringen, um seinen Weg zu gehen. Denn seine Entscheidung, sich als Unternehmer selbstständig zu machen, ist den Eltern bis heute unheimlich geblieben. „Suhas isst zu wenig und schläft nur vier Stunden“, stöhnt seine Mutter. Sie bedauert den Tag, an dem ihr Sohn ein Angebot des US-Unternehmens Network Solutions ausschlug. Die Firma hatte Gopinath eine gut bezahlte, feste Stelle in Amerika angeboten.

Die besorgte Frau im blasslila Sari hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass der Sohn sich mal für einen geregelten Job und gegen sein Unternehmen entscheidet: „Vielleicht tut er es ja doch noch irgendwann mal seinem großen Bruder nach“, sagt die Mutter. Aus dem älteren Sohn wurde nach dem Studium an einer Elite-Uni ein Banker.

Zuvor infizierte er Suhas jedoch mit dem Internetfieber. Und das hat ihn zu dem gemacht, was er heute ist: ein Unternehmer. Zum zwölften Geburtstag schenkte der Bruder ihm eine E-Mail-Adresse. Das war 1998, und die Entdeckung des Internets machte aus dem kleinen Bruder einen notorischen Schulschwänzer.

„Ich habe sofort verstanden, dass das Web die Welt verändert“, erinnert er sich. Viele Stunden hat er damals in einem Internetcafé verbracht, ganz in der Nähe seines Geburtshauses. Das Internetcafé, wo alles begann, ging kürzlich jedoch Pleite. „Der Gründer dieses Ladens hat mich zum Unternehmer gemacht“, erzählt Gopinath. „Jetzt sucht er selbst einen Job.“

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