Kulturförderung
Das dubiose Geschacher um Bayreuth-Tickets

Das Geschacher um die begehrten Tickets für die Wagner-Festspiele ist in vollem Gange. Dubiose Händler machen gute Geschäfte. Jetzt schaltet sich sogar der Rechnungshof in das Vergabeverfahren ein.
  • 1

DÜSSELDORF. Die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung klingt fest: „Ich besorge Ihnen für jede Vorstellung in Bayreuth zwei Karten, auch noch kurz vorher.“

Nach dem offiziellen Weg klingt das nicht, auch nicht so, als ob da jemand kurzfristig krank geworden wäre und die Karten für die stets ausverkauften Festspiele zurückgegeben hätte.

„Ja, ich finde es auch ganz erstaunlich, dass ich Ihnen garantieren kann, dass Sie für jede Vorstellung Karten bekommen, wenn Sie das nötige Taschengeld haben“, raunt Manfred Christ. Weitere Fragen will der Inhaber einer Kartenagentur, die aus einem Mehrfamilienhaus in Duisburg operiert, nicht beantworten.



Überall Schweigen: Eine Agentur aus Köln bietet auf ihrer Website Karten für jeden Aufführungstermin, für die Eröffnung etwa die Wagner-Oper Tannhäuser für 1 250 bis 2 350 Euro, den Parsifal gibt es etwas billiger. Am Telefon meldet sich die Schwester des Inhabers: Der Bruder sei im Ausland, nicht erreichbar, würde aber sowieso nicht sagen, wie er an die Karten kommt.



Zwischenhändler profitieren

Das offizielle Verfahren ist klar: Am Montag endet die Bewerbungsfrist für Interessenten. Über Wartelisten teilt das Festspielhaus zu. Dabei liegen die Preise zwischen 15 und 280 Euro je Aufführung.

Wer zu den subventionierten Preisen zum Zuge kommen will, muss Geduld zeigen: Bis zu zehn Jahre kann die Wartezeit dauern. Mal länger, mal kürzer – je nach gewählter Aufführung, Platzkategorie und Laune der drei Mitarbeiterinnen im Kartenbüro. Denn Vermerke auf den Bestellscheinen ordnen zwar grob, wie die Warteliste aussieht, am Ende entscheiden aber die Königinnen der Karten.

Gut sieben Mio. Euro Umsatz macht das Haus mit den Tickets im Jahr, die restlichen Kosten tragen staatliche Zuschüsse und Spenden, pro Karte umgerechnet gut 110 Euro. Der Graumarkt dürfte ebenfalls Umsätze in Millionenhöhe verzeichnen. Profiteure sind die Zwischenhändler.

Am Dienstag berät der Verwaltungsrat der Festspiele über das Verfahren. Zum zweiten Mal ist die Kartenvergabe nun in der Kritik des Bayerischen Obersten Rechnungshofs. Zwar sind die Berichte unter Verschluss, doch der Rechnungshof bestätigte dem Handelsblatt mehrere Kritikpunkte.

Vorgabe der Prüfer ist, mehr Karten in den freien Verkauf zu bekommen. Schließlich gibt es derzeit Kontingente für verschiedenste Gruppen: Freikarten für Angehörige von Künstlern, Stimmführer des Orchesters, für Feuilletonisten. Von den 53 900 Karten gehen nach Angaben des Festspielhauses fast 14 000 Karten an den Verein der Freunde von Bayreuth, 750 an Stipendiaten der Richard-Wagner-Gesellschaften, 420 an das Bayreuther Festival junger Künstler, 160 an Ehrengäste der Stadt Bayreuth, weitere kauft die Staatskanzlei, andere gehen an die Sponsoren Siemens und Audi.

Der große Block der Karten für die Freundes-Gesellschaft ist Thema der Sitzung in der kommenden Woche. „Man muss die Dinge alle anschauen und überprüfen“, sagt Festspiel-Sprecher Peter Emmerich. Nicht nur die Freikarten, sondern auch das Kontingent der Freunde müsse überprüft und gegebenenfalls reduziert werden.

Auf die 14 000 Karten der Freunde kommen 5 125 Mitglieder. Trotzdem werden jedes Jahr nach Angaben der Gesellschaft 1 000 Bestellungen von Freunden zurückgewiesen. Andere Besteller – etwa mit weitem Anfahrweg oder solche, die länger nichts bestellt haben – bekommen Karten gleich für mehrere Veranstaltungen. Nirgendwo ist es so leicht wie bei den Freunden, am normalen Verfahren vorbei Karten zum Normalpreis zu bekommen – für nur 205 Euro Jahresbeitrag.

Seite 1:

Das dubiose Geschacher um Bayreuth-Tickets

Seite 2:

Kommentare zu " Kulturförderung: Das dubiose Geschacher um Bayreuth-Tickets"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Der Kartenmarkt wird sich vermehrt differenzieren. Meine Prognose ist, dass bestimmte Vorstellungen nach wie vor gut verkauft sind (mit ca. 10 Jahren Wartezeit) und andere wahrscheinlich schon sehr schnell erhältlich sind (vielleicht schon nach dem 2.Jahr Wartezeit bzw. bald in den teuren Kategorien sogar im selben Jahr). Man konnte in den letzten Jahren bei ebay sehen, dass bestimmte Vorstellungen (Meistersinger, Tristan) sogar unter Preis weggingen, bzw. gar nicht verkauft wurden. Das wird sich auch mit dem schlecht kritisierten Tannhäuser fortsetzen. Dass dafür jemand über 1000 € ausgibt wird eher die Ausnahme sein und auch in den teuren A-Kategorien werden wahrscheinlich selbst zu den regulären Preisen bald nicht mehr alle Karten verkauft werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%