Laudatio von Jochen Wegner
Die Maus, eines der besten Fernsehformate

Kersten Schüßler hat den Fernsehpreis bekommen, weil er im TV leicht daherkommt und auch die ganz schwierigen Themen für dieses Medium bestens umsetzen kann.
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Wir müssen uns Kersten Sebastian Schüßler, frei nach Camus, als einen unglücklichen Menschen vorstellen.

Zum einen, weil Kersten Sebastian Schüßler Filme für das Fernsehen macht. Nicht das Internet, sondern das Fernsehen ist für Journalisten heute das schwierigste Medium, das es gibt. Dazu gleich.

Zum anderen, weil Kersten Sebastian Schüßler Filme für das Fernsehen vorzugsweise über Themen macht, die überhaupt nicht für das heutige Fernsehen geeignet sind. Meist stellt er in seinen sehr langen Filmen sehr abstrakte Fragen: Wie gefährlich ist Atomkraft? Wie kam es zur Weltwirtschaftskrise? Wie geht es dem deutschen Arbeitsmarkt? Was bedeutet das Freihandelsabkommen TTIP?

Das sind wichtige Fragen. Aber sie sind nicht für das Fernsehen geeignet. Denn das Fernsehen lebt vom Konkreten, nicht vom Abstrakten. Das Fernsehen braucht Schall und Rauch.

Wir müssen uns Kersten Sebastian Schüßler, den Mann, der die richtigen Fragen im falschen Medium stellt, also als einen unglücklichen Menschen vorstellen.

Nur drei Anhaltspunkte geben uns Hoffnung.

Erstens: Die Filme von Kersten Schüßler zu all diesen abstrakten Themen sind wirklich großartig. Sie kommen so leicht daher, als seien die schweren Fragen, die er behandelt, bestens für das Fernsehen geeignet.

Zweitens: Noch mehr Hoffnung macht uns, dass Kersten Sebastian Schüßler in seinen Filmen immer so gelassen wirkt, so aufgeräumt, so freundlich – ja glücklich. Manchmal erinnert er an den jungen Armin Maiwald, den Schöpfer der Sendung mit der Maus. Auch den journalistischen Ansatz, den Kersten Sebastian Schüßler verfolgt, erinnert hie und da an die Maus – eines der besten Formate, die das deutsche Fernsehen je erschaffen hat.

Was bedeutet das Freihandels-Abkommen TTIP?

Schüßler fährt einfach einmal zu einem Autokonzern und lässt sich vom CEO den Blinker zeigen, der in den USA tiefrot sein muss und in Deutschland orange-gelb. Schüßler fährt zum Maschinenbau-Chef und lässt sich von ihm das Kabel zeigen, das nach deutscher Vorschrift tiefrot sein muss und nach amerikanischer orange. Dann fliegt er in die USA und kauft Hormonsteaks, Chlor-Hühnchen und Gen-Lachs im Supermarkt – die kommen jetzt also alle nach Deutschland. Er geht mit einer Verbraucherschützerin in Brüssel spazieren, die niemand zu Konsultationen einladen will, wenn es um TTIP geht.

Schüßler ist dabei immer zurückhaltend und freundlich, er verwendet eine einfache Sprache, sei es im Interview mit Sigmar Gabriel oder mit einer verzweifelten jungen Jobsuchenden, die er auf ihrem Weg in den deutschen Arbeitsmarkt begleitet. Schüßler wirkt so harmlos, dass manche Gesprächspartner erst sehr spät merken, wenn er sie an den Rand eines Abgrunds führt.

Dann kommt es zu grandiosen Szenen, etwa, wenn Schüßler den EU-Handelskommissar Karel de Gucht fragt, was er dazu sage, dass Sigmar Gabriel den umstrittenen Investitionsschutz für Konzerne nicht mehr in TTIP haben will.

- Das habe ich Sigmar Gabriel nie sagen hören, sagt der Handelskommissar.

- Aber es steht in dem Brief, den er Ihnen geschrieben hat.

- Nein, ich meinte, ich habe ihn das nie persönlich sagen hören.

- So?

- Was ich gehört habe, ist, dass er es nicht notwendigerweise drin haben will.

Das sind die Momente, in denen Fernsehen das perfekte Medium für Schüßlers Fragen ist. Kersten Sebastian Schüßler weiß, dass er als Autor vor die Kamera muss. Aber er inszeniert sich nicht und spielt nicht den investigativen Journalisten, wie viele seiner Kollegen. Er ist ein investigativer Journalist.

Wir dürfen uns Kersten Sebastian Schüßler vielleicht doch als glücklichen Menschen vorstellen. Es gibt noch den dritten Anhaltspunkt dafür, den ich bisher ausgelassen habe. Er wird heute mit einem Preis ausgezeichnet.

Herr Schüßler, ich gratuliere Ihnen im Namen der Jury sehr herzlich.

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