Leser und Anzeigenkunden gehen ins Internet
Die Wall Street wendet sich ab von den US-Zeitungsverlagen

Der Auflagenrückgang der US-Tageszeitungen hat sich in den vergangenen sechs Monaten weiter beschleunigt. Nach Angaben des Audit Bureau of Circulation ist die tägliche Auflage der mehr als 700 Blätter bis Ende September um 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Im vorhergehenden Halbjahr lag das Minus noch bei 1,9 Prozent.

HB NEW YORK. Für die Wall Street dürfte das Auflagensiechtum ein weiterer Grund sein, sich von der Zeitungsbranche abzuwenden. Kürzlich forderten drei Investoren des Verlagshauses Knight Ridder, dass sich der zweitgrößte US-Zeitungskonzern zum Verkauf stellen solle. Die Finanzwelt gibt dem 400 Jahre alten Gewerbe kaum noch Zukunftschancen. "Die Stimmung ist extrem pessimistisch", sagt John Miller, Fondsmanager bei der Kapitalanlagegesellschaft Ariel Capital. An der Börse haben die Zeitungshäuser in diesem Jahr zweistellige Kursverluste erlitten.

Schuld an der Misere ist vor allem das Internet. Leser und Anzeigenkunden lassen Zeitungen links liegen und gehen online. Nur noch die Hälfte aller amerikanischen Haushalte bekommt überhaupt eine Tageszeitung. Dagegen bezieht nach einer Untersuchung des Pew Instituts inzwischen ein Viertel aller US-Bürger seine Nachrichten aus dem Internet. Vor zehn Jahren nutzte noch niemand das Web als Zeitungsersatz. Sollte dieser Trend anhalten, werden nach einer Prognose der Northwestern University 2010 nur noch neun Prozent aller Zwanzigjährigen eine Tageszeitung auf Papier lesen.

Ebenso düster sieht es auf der Anzeigenseite aus. Während den meisten Blättern die Anzeigenerlöse wegbrechen, ist der Werbeumsatz im Internet im ersten Halbjahr um fast 26 Prozent auf knapp sechs Mrd. Dollar gestiegen. Am stärksten profitieren davon die neuen Internet-Stars Google und Yahoo, die ihre Internetangebote als Werbeplattform nutzen. Google allein übertrifft inzwischen die Werbeeinnahmen von Großverlagen wie der "New York Times". Grund für diese Kräfteverschiebung sind Werbekunden wie Verizon. Der Telekomanbieter hat seine Ausgaben für Online-Reklame seit 2001 von drei auf elf Prozent erhöht.

Für die Zeitungsbranche sind Untergangsprognosen keineswegs neu. Bereits bei der Geburt des Fernsehens wurden die Totenglocken für die Presse geläutet - voreilig, wie sich herausstellte. "Die Zeitungen werden auch diesmal nicht vom Markt verschwinden, aber sie müssen das Internet für sich nutzen", sagt Anlagestratege Miller. Wie, das hat Medienunternehmer Rupert Murdoch der Branche ins Stammbuch geschrieben: "Wir müssen dafür sorgen, dass die Leser zu unseren Webseiten kommen, wenn sie Nachrichten suchen", sagt der Chef von News Corp.

Zwar nutzen mehr als 47 Millionen Amerikaner die Webseiten von Tageszeitungen, um sich mit Nachrichten zu versorgen. Aber nur wenige Blätter wie das "Wall Street Journal" haben es geschafft, sich dadurch eine zusätzliche Einnahmequelle zu schaffen. "Die Reichweite der Zeitungen ist gestiegen, wir wissen nur nicht, wie wir damit Geld verdienen können", sagte John Murray, Vizepräsident des nationalen Zeitungsverlegerverbandes. Analysten wie Lauren Rich Fin vom Brokerhaus Merrill Lynch bleiben deshalb skeptisch, ob es den Zeitungen gelingen wird, die Verluste im Print-Geschäft durch neue Einnahmen aus dem Internet auszugleichen. Auch das Chicagoer Zeitungshaus Tribune solle deshalb besser seine Blätter verkaufen.

Das Beispiel Knight Ridder zeigt das Dilemma der Branche. Der Zeitungskonzern gibt 32 Tageszeitungen heraus und war einer der ersten Verlage, die massiv in ihren eigenen Internet-Auftritt investiert haben. Trotzdem erwirtschaftete das Unternehmen online zuletzt Werbeerlöse von nur rund 115 Mill. Dollar. Verglichen mit den Anzeigeneinnahmen von 2,4 Mrd. Dollar für die Printausgaben ist das nicht mehr als ein Zubrot.

Investoren glauben offenbar nicht, dass die Verlage auch diesmal das Blatt wenden können. Sie fordern den Ausverkauf - ohne zu wissen, wer noch Interesse an dem Zeitungsgeschäft haben könnte. Genannt werden an der Wall Street vor allem private Kapitalanlagegesellschaften, für die der nach wie vor hohe Cash-Flow der Verlage ein Kaufanreiz sein könnte.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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