„Letzte Meile“ wird geöffnet
Swisscom verliert Wettbewerbsvorteil

Die Schweiz nähert sich auf dem Telekommunikationsmarkt mehr und mehr den Vorgaben der EU, was dem Exmonoplisten Swisscom alles andere als recht sein kann. So hat das Parlament in Bern nach vierjähriger Diskussion in dieser Woche beschlossen, jene Kupferleitungen, die als „letzte Meile“ bekannt sind und die Verbindung zwischen Ortszentrale und Hausanschluss darstellen, dem Wettbewerb zu öffnen.

ZÜRICH. Bisher durften diese Leitungen ausschließlich von der Swisscom genutzt werden, die sie auch verlegt hat. Künftig sollen auch Konkurrenten wie Sunrise oder Tele 2 Zugang zum Kupferdraht haben. Sie müssen der Swisscom dafür eine Entschädigung zahlen. Die Regulierung gilt vier Jahre, bis dahin sollen die Swisscom-Wettbewerber selbst investiert haben. Sie betrifft außerdem nicht das Glasfasernetz, das die Swisscom derzeit verlegt und mit dessen Hilfe ganz neue Geschwindigkeiten im Internet erreicht werden sollen.

Dennoch verliert die Swisscom damit einen Vorsprung, den sie lange hartnäckig verteidigt hat. Zu diesem Schluss kommen mehrere von einander unabhängige Studien, die den Schweizer Exmonoplisten mit seinen europäischen Konkurrenten vergleichen. Hintergrund ist die Öffnung der Telekommunikationsmärkte in der EU 1998, die die Grundlage für den Eintritt neuer Wettbewerber schuf.

Kennzeichnend für die EU-weite Regulierung ist, dass neue Anbieter über das existierende Telekommunikationsnetz Zugang zum Kunden erhalten sollen. Die Wirkung auf Investitionen ist umstritten. So birgt die Aufspaltung von Netzanlagen die Gefahr, dass Verbundvorteile zerstört werden, was die Ex-Monopolisten trifft. Außerdem ist der Investitionsanreiz für die neuen Unternehmen gering, wenn sie die bestehende Infrastruktur nutzen können. Im Nicht-EU-Land Schweiz wurde deswegen anders verfahren: Dort griff der Staat kaum ein mit der Folge, dass die finanziell gut gepolsterte Swisscom massiv investierte – laut einer McKinsey Studie waren dies zwischen 1998 und 2003 pro Jahr und Kopf der Bevölkerung 237 Euro. Deutschland liegt in diesem Ranking mit 72 Euro noch unter der Hälfte des Durchschnitts der OECD-Länder.

Jürgen Meffert, einer der Autoren der Studie, dürfte der Deutschen Telekom aus der Seele sprechen, wenn er feststellt: Im Gegensatz zur Schweiz „bietet Deutschland keinen Anreiz für ein größeres Engagement der Unternehmen“. Zum gleichen Schluss kommen die Berater von Plaut Economics in einem Papier, das sich mit der Regulierung auseinander setzt: „Die meisten EU-Länder sind in der Breitbanderschließung im internationalen Vergleich in Rückstand geraten.“ Die Schweiz reihe sich dagegen ohne die nun doch beschlossene Regulierung der „letzten Meile“ unter den weltweit besten ein.

Bei der Swisscom herrscht trotz des Parlamentsbeschlusses Gelassenheit, was vor allem daran liegt, dass das Glaserfasernetz nicht von der Liberalisierung betroffen ist. Das Unternehmen verfügt damit weiter über einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz – was für die Swisscom einen bösen Haken haben kann: Das Unternehmen, das bisher mehrheitlich dem Bund gehört, soll laut Beschluss des Schweizer Bundesrats privatisiert werden. Kommt es dazu, so befürchtet man in der Swisscom-Zentrale nicht zuletzt wegen des regulierungsarmen Umfelds, „sind wir Übernahmekandidat Nummer eins“.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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