Lexikon
Brockhaus beerdigt seine Enzyklopädie

Brockhaus hat den Kampf gegen das Internet verloren. Die Enzyklopädie, das Gedächtnis des Weltwissens made in Mannheim, ist tot. Auf der heutigen Hauptversammlung herrscht aber keine Beerdigungsstimmung. Die Mitarbeiter nehmen es gefasst oder sogar erleichtert hin.

MANNHEIM. Neulen gleitet mit seinem Wagen noch einmal durch diese Gegend, ohne Hast, begleitet von einer kleinen Prozession präziser Erinnerungen. Er versetzt sich zurück in eine Zeit, als dieser Tod undenkbar war. Inzwischen erscheint er auch ihm unvermeidlich.

Neulen parkt vor einer Brauerei-Gaststube, wenig später sitzt er in einer Ecke, Peter Neulen, ein Mann Mitte 50 mit hoher Stirn, umgeben von Backstein, schweren Holzbalken und schmiedeeisernen Gittern, über den Tischen hängen wattschwache Lampen, und Neulen soll erklären, warum alles Pathos und alle Empörung aufgebraucht sind, noch bevor die Tote beerdigt ist. Er überlegt, er sagt: „Man muss die Realitäten stets anerkennen.“

Die Tote ist eine alte Liebe. Eine Idee, die sein Leben geprägt hat. Die Idee, dass sich nach einer tradierten Formel eine Essenz des Weltwissens gewinnen ließe und das Interesse an dieser Essenz unvergänglich sei. Und dass die beste aller Essenzen in Form dicker Buchbände erhältlich ist und seit jeher in Mannheim und Leipzig hergestellt wird, von Menschen wie ihm, von Neulen, dem Fachredakteur. Von Brockhaus.

Brockhaus, Enzyklopädie, die (weibl.): bis zu 30 Bände, bis zu 25000 Seiten, 70 Kilo Wissen, gesammelt, katalogisiert und sorgsam ausgewählt und schließlich gereicht mit Goldschnitt und Ledereinband. Das Gedächtnis der Wissensgesellschaft. Über 200 Jahre lang, bis jetzt.

Das Bibliographische Institut & F.A. Brockhaus AG, kurz Bifab, in Mannheim hat die Marke Brockhaus Anfang des Jahres an Bertelsmann verkauft, seinen ärgsten Konkurrenten. Wenn das Bifab am heutigen Mittwoch auf seiner Hauptversammlung offiziell den Brockhaus aus dem Firmennamen tilgt und sich in „Bibliographisches Institut AG“ umbenennt, dann ist es, als hätte es Brockhaus in Mannheim nie gegeben. Der Tod ist dann offiziell festgestellt.

Der Verkauf ist das Eingeständnis, dass das Bifab die Patientin Brockhaus nicht mehr retten konnte, dass ein langes Siechtum endet: eine Folge des Internet-Virus, mit dem die Patientin sich vor einiger Zeit infiziert hatte. Brockhaus hat den Kampf gegen die Online-Nachschlagewerke wie Wikipedia verloren und damit den Rang als Autorität gedruckten lexikalischen Wissens.

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