Literatur
Die Neuerfindung der US-Zeitungsindustrie

In seinem neuen Buch "Kreative Zerstörung" geht Kommunikationswissenschaftler Stephan Ruß-Mohl der Frage nach dem Niedergang und der Neuerfindung des Zeitungsjournalismus in den USA nach. Leider offenbart seine Analyse eine Reihe an Schwächen.

DÜSSELDORF. David John, ein weitgehend unbekannter Journalist aus Kalifornien, wurde mit einem Schlag berühmt. Denn er hatte einen besonderen Vorschlag, wie in der US-Zeitungskrise der Qualitätsjournalismus gerettet werden kann: Auf seiner Webseite ruft er zu Spenden zum Recherchieren von Artikeln auf. Zum Beispiel können Eltern die Recherche einer Reporters mit ein paar Dollar sponsern, bei der die Vor- und Nachteile lokaler Schulen untersucht werden.

Fundraising für guten Journalismus heißt das neue Modell. Die wenig praxistaugliche Idee wirft ein bezeichnendes Licht auf die Krise der Zeitungen in den USA. Die Not ist groß, die Todesliste lang: In Denver starb die "Rocky Mountain News", in Seattle die "Seattle Post" und in Arizona der "Tucson Citizen". Die "Detroit News" und die "Detroit Free Press" drucken nur noch an drei Tagen. Die "Ann Arbor News" in Michigan stellte im Juli den Betrieb ein. Der "Boston Globe" schrammte um Haaresbreite an einem Desaster vorbei.

Die teilweise dramatische Situation reicht als Grund aus, der Frage nach dem Niedergang und der Neuerfindung des Zeitungsjournalismus in den USA nachzugehen. Der Kommunikationswissenschaftler Stephan Ruß-Mohl hat mit seinem Buch "Kreative Zerstörung" eine Fleißarbeit abgeliefert. Der in Lugano ansässige Hochschullehrer kennt den amerikanischen Zeitungsmarkt aus vielen, auch längeren Aufenthalten.

Leider leidet seine Analyse unter einer Reihe von Schwächen. Ruß-Mohl blendet zu stark die Ökonomie aus. Dem Buch merkt man an, dass der Autor nicht im Dialog mit den Vorstandsetagen der amerikanischen Zeitungshäuser stand. Zwei der zentralen Gründe für die Zeitungskrise sind nämlich die Börsennotierung vieler Zeitungshäuser und das Versagen des Managements.

Das Medienhaus Gannett mit seinem Flaggschiff "USA Today" ist genauso wie der Verlag McClatchy ("Miami Herald") sowie der Ostküsten-Printkonzern Media General oder die "New York Times" dem Auf und Ab des Kapitalmarkts ausgesetzt. Die Vorstände, wie beispielsweise bei der ehrwürdigen "New York Times", griffen in der Vergangenheit mit ihren Exkursionen in die Musik- und Fernsehbranche gründlich daneben. Zum Portfolio der "New York Times" gehört sogar die Baseball-Mannschaft "Boston Red Sox". Die Helden des grünen Rasens will der Verlag nun bis Ende des Jahres verkaufen.

Um einen Ausweg aus der US-Zeitungskrise zu finden, stellt Ruß-Mohl ernsthaft die Eigentumsfrage. Liegt das Heil in Zeitungshäusern, die im Besitz ihrer Leser oder Mitarbeiter sind oder von staatlichen Subventionen oder Spenden von Non-Profit-Organisationen leben? Aus der Vergangenheit wissen wir, wie erfolgreich Partei- oder Kirchenzeitungen sind. In vielen Ländern sind sie entweder vom Markt verschwunden oder fristen ein Schattendasein.

Russ-Mohl hinterlässt den Leser nach knappen 300 Seiten nur halb informiert. Zentrale Aspekte wie bezahlte Inhalte im Internet kommen viel zu kurz. Dabei ist der Paid Content womöglich der Königsweg aus der Krise. Medien-Tycoon Rupert Murdoch hat angekündigt, 2010 für die Inhalte seiner Zeitungen ("Wall Street Journal", "New York Post") Geld zu verlangen. Ebenfalls für nächstes Jahr hat Google ein Online-Bezahlsystem angekündigt. Damit kann dann der Kauf einzelner Artikel oder ein Online-Abonnement bequem abgerechnet werden. Google ist in der Lage, mit seinen Ressourcen und Erfahrungen Einmaliges und Erstklassiges zu kreieren - warum nicht auch für die Zeitungsbranche?

STEPHAN RUß-MOHL:
Kreative Zerstörung
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2009, 292 Seiten, 29,90 Euro

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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