Microsoft ist abgesprungen, aber die Gefahr bleibt. Steve Ballmers Absage an eine feindliche Übernahme hat Yahoo keine Erleichterung verschafft. Hedge-Fonds kaufen angeblich heimlich Yahoo-Aktien auf; der Google-Vorstandschef hat den Willen zu einer Zusammenarbeit bekräftigt. Der Internet-Konzern steht vor einer weiteren Zerreißprobe.
Hinter den Kulissen wird bei Yahoo heftig taktiert. Der Internetkonzern steht vor schwierigen Tagen. Foto: Archiv
DÜSSELDORF. Bis Donnerstag haben die Aktionäre Zeit, Gegenkandidaten für den Verwaltungsrat aufzustellen. Und obwohl Microsoft
nach eigenen Aussagen nicht mehr daran denkt, einen Kampf um Sitze im Verwaltungsrat anzuzetteln, wird hinter den Kulissen taktiert wie nie zuvor. Selbst wenn die Frist ungenutzt verstreichen sollte, droht Gefahr: Hedge-Fonds kaufen sich offenbar ein, um die kommende Hauptversammlung zum Sturm auf Yahoo zu nutzen. Das jedenfalls sieht Risk-Merics-Analyst Chris Young als Grund für die relativ feste Tendenz der Yahoo-Aktie. Auch das ungewöhnlich hohe Handelsvolumen von rund 600 Mill. Aktien vergangene Woche wertet er als Beleg für seine These.
Der Hintergrund: Schon ein breites Misstrauensvotum durch Stimmenthaltungen könnte das Yahoo-Kontrollgremium unter Führung von Roy Bostock und Vorstandschef (CEO) Jerry Yang zu Fall bringen. Dabei hilft das sogenannte "Majority Voting". Es bedeutet vereinfacht gesagt, dass Kandidaten, die keine absolute Mehrheit zur Wiederwahl bekommen, von sich aus den Rücktritt anbieten müssen.
Immer mehr US-Firmen, darunter Yahoo, haben solche Regeln adaptiert. "Majority Voting ist nicht per Gesetz eingeführt worden", so Larry Sonsini von Wilson Sonsini Goodrich & Rosati, im Gespräch mit dem Handelsblatt. "Aber es ist mittlerweile fast Standard und zeigt den wachsenden Durchgriff von Aktionären in die Verwaltungsräte", so der Chairman der mit 500 Mill. Dollar Umsatz größten Kanzlei im Silicon Valley.
Die Situation ist so ernst, dass nach langem Schweigen auch Google
wieder aktiv eingreift und Hoffnungen auf eine Zusammenarbeit mit Yahoo am Leben hält. "Wir haben mit Yahoo gesprochen und sind sehr erfreut, mit ihnen zusammenzuarbeiten", erklärte Google
-Mitgründer Sergei Brin Ende vergangener Woche. Genauere Angaben zum Stand eventueller Verhandlungen über eine Kooperation auf dem Milliardenmarkt der Onlinewerbung wollte er jedoch nicht machen.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Was die Aktionäre sehen wollen.
Aber konkrete Ergebnisse zur Steigerung der Profitabilität sind genau das, was die Aktionäre endlich sehen wollen, nachdem der 47,5-Mrd.-Dollar-Scheck von Microsoft
geplatzt ist. Weder die Google
-Kooperation noch eine mögliche Übernahme von AOL oder eine Integration von Myspace wurden in Angriff genommen. Im Gegenteil, News Corp., Mutter von Myspace, hat Gespräche mit Yahoo dementiert.
Die drohende Aktionärsrevolte unter Führung des bulligen Aktivisten Eric Jackson setzt Yang immer stärker unter Zeitdruck. Jackson hat auch schon Yahoo-Vorstandschef Terry Semel zu Fall gebracht und vertritt nach eigenen Aussagen rund 140 Aktionäre mit drei Mill. Yahoo-Aktien. "Ich bin wütend. Alle Aktionäre sollten den gesamten Yahoo - Verwaltungsrat abwählen", so Jackson.
Zwei große Pensionsfonds erwägen Klagen vor Gericht. Capital Research Management, der größte einzelne Yahoo-Anteilseigner, hat vergangene Woche bereits unverholen seine Unzufriedenheit zum Ausdruck gebracht, hält sich aber noch offen, wie er am 3. Juli, dem Tag der entscheidenden Verwaltungsratssitzung, entscheiden werde.
Der Aktienkurs von Yahoo beendete die Wall-Street-Woche bei 25,93 Dollar, weit unter den 28,67 Dollar, die geboten wurden, bevor Microsoft
sein Angebot einer Komplettübernahme am 3. Mai zurückgezogen hatte. Der Kurs liegt aber noch weit über den 18,72 Dollar vor dem Angebot. Diese Differenz, so Analysten, sei ein Beweis dafür, dass die Börse kurzfristig weitere Angriffe auf Yahoo erwartet - entweder durch eine Rückkehr Microsofts
oder einen neuen, überraschenden Interessenten. Am frühen Montag notierte Yahoo bei 25,59 Dollar.

