Manifest des Facebook-Chefs
Zuckerbergs Selbstkritik zur rechten Zeit

Das neue Manifest, das Facebook-Chef Mark Zuckerberg vorgelegt hat, ist blumig und voller Worthülsen. Trotzdem ist es wichtig. Endlich übernimmt der Herr über fast zwei Milliarden Nutzer Verantwortung. Ein Kommentar.
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BerlinEs gibt diese Momente, da zeigt sich, dass Mark Zuckerberg gerade einmal 32 Jahre alt ist. Zwei Tage nach der US-Wahl im November, die den Republikaner Donald Trump ins Weiße Haus beförderte, war ein solcher Moment. Da saß der Facebook-Chef auf der Bühne und redete die gesellschaftliche Verantwortung seiner Plattform klein.

Die Idee, Fake-News auf Facebook hätten das Wahlergebnis beeinflusst, sei „verrückt“, so Zuckerberg. Der für das Entstehen von Echokammern verantwortlich gemachte Newsfeed könne immer verbessert werden, doch tatsächlich gebe es bei Facebook eine größere Vielfalt an Informationen als bei traditionellen Medien. „Die Menschen sind schlau und sie verstehen, was wichtig für sie ist.“

Inzwischen hat der Gründer seine Haltung überdacht. Zuckerbergs neues politisches Manifest „Building Global Community“ mag im üblichen, übertrieben-euphorischen Duktus verfasst sein, den Nörgler allen selbsterklärten Weltverbesserern von der US-Westküste oft zurecht vorwerfen. Doch es zeigt, dass der Facebook-Chef sich bemüht, der wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung seines Netzwerkes gerecht zu werden.

Der Text demonstriert die Selbstzweifel, in die Trump und seine Politik das Silicon Valley gestürzt haben, jenseits von Profitstreben, Dauer-Entertainment und Datengier. Zuckerberg reflektiert über die Gemeinschaft, die sein Netzwerk geschaffen hat, darüber, „wie wir am meisten positiven Einfluss haben“. Er fragt sich, ob Facebook tatsächlich jene Welt geschaffen hat, „die wir alle wollen“, wie die Plattform dabei helfen kann, eine „informierte Gemeinschaft“ zu schaffen und gar die Beteiligung an Wahlen steigern kann.

Die Selbstkritik fällt in eine Zeit, in der Trumps Anti-Immigrationspolitik und das Schlagwort „America first“ die Idee einer digitalen Weltgemeinschaft in Frage stellen. Und es fällt in eine Zeit, in der Amerika gespalten und zerrüttet ist von politischen Querelen in Washington und dem Unmut der Weltgemeinschaft über die Vorgänge im Weißen Haus.

Das Problem von Fake-News und Filterblasen bereite ihm „Sorge“, gibt Zuckerberg zu. Das letzte Jahr habe gezeigt, dass die Idee, jedem Menschen die Möglichkeit zur Publikation von Inhalten zu geben, eine gemeinsame Wahrnehmung von Realität fragmentiere.

„Die Richtigkeit von Informationen ist sehr wichtig“, schreibt er. Soziale Medien drängten die Nutzer wegen der knappen, vereinfachten Nachrichten „im schlimmsten Fall“ in extreme Richtungen. Der Facebook-Gründer klingt mehr und mehr wie der Manager eines Medienkonzerns, der er doch eigentlich gar nicht sein will.

Der Text ist blumig, aufgeblasen, voller Worthülsen. Doch er ist eine Selbstkritik zur rechten Zeit. Zuckerberg übernimmt zunehmend die Verantwortung für die Inhalte sowie auch die Informiertheit seiner Nutzer, die er bislang stets von sich wies. Er erkennt Facebooks politisch-gesellschaftliche Relevanz, gibt zu, die Weltanschauung, die sein Netzwerk groß gemacht habe, sei nicht länger unumstritten. Das ist eine gute Nachricht, weil es eine Absage ist an die naive Heilslehre aus Silicon Valley, nach der mehr Technologie ganz zwangsläufig mehr Fortschritt bringt.

Ob das Manifest ein Zeichen für die politischen Ambitionen ist, wie dem 32-Jährigen seit jüngster Zeit häufig unterstellt wird, ist dabei fast schon unerheblich. Zuckerberg ist doch längst ein Politiker, ein Weltenlenker seiner Facebook-Community. Der Mann blickt auf ein virtuelles Reich aus bald zwei Milliarden Menschen. Das sind mehr als die USA, Europa und Russland zusammen Einwohner haben. Umso wichtiger, dass er die Verantwortung erkennt, die mit solcher Macht zusammenfällt.

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