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Ducken und drucken bis zum bitteren Ende

Eine entlarvende Buchpräsentation in Berlin: Die Kölner Verlegerdynastie DuMont sichtet das dunkelste Kapitel ihrer Geschichte, das Treiben während der NS-Diktatur.

BERLIN. Das Wort „aufarbeiten“ ist nicht nur deshalb so zwiespältig, weil es einen doppelten Wortsinn enthält. Liegengebliebenes zu erledigen einerseits, unansehnlich Gewordenes aufzufrischen andererseits. Insofern bleibt es rätselhaft, dass der Begriff im Zusammenhang mit der Geschichte des Nationalsozialismus eine ganz eigene, oft problematische Konjunktur bekommen hat. Als unbelastet jedenfalls kann das Wort nach all der guten und weniger guten Aufarbeiterei der vergangenen Jahre – man denke nur an die Geschichte der Familie Schaeffler im Nationalsozialismus – kaum mehr gelten.

Unbefangen redet Manfred Pohl, einer der zweifellos angesehensten deutschen Unternehmenshistoriker, trotzdem vom „Aufarbeiten der Geschichte“, als er gestern Vormittag sein jüngstes Buch vorstellt. Die drei Männer und die Frau in der ersten Reihe vor der Bühne haben auf diesen Tag lange und gewiss auch bangend gewartet. Vor drei Jahren war die Familie, die sich selbst stets als gutes liberales Gewissen des bürgerlichen Köln dargestellt hat, mit Vorwürfen konfrontiert worden, sie habe sich während der NS-Zeit auf Geschäfte mit Grundstücken eingelassen, die zuvor in jüdischem Besitz gewesen waren. Weil man das und vieles andere nicht auf sich hat sitzen lassen wollen, wurde der Historiker Pohl damit beauftragt, die Geschichte des Verlags M. DuMont Schauberg in der Diktatur zu untersuchen. Gestern nun wird die Arbeit gesichtet, bewertet, gewogen, deshalb ist fast die ganze Familie Neven DuMont in Berlin, Vater, Mutter und Sohn samt dem Neffen Christian Schütte.

Der Campus-Verlag hat einen schlichten Titel für Pohls Buch gewählt, es ist der Name der Firma. Eine schöne Geschichte ist natürlich nicht daraus geworden. Von außen geschmackvoll grüner Einband, zwischen den Deckeln die schwärzesten Kapitel in der Geschichte des 207 Jahre alten Hauses. Auf gut 540 Seiten beschreibt Pohl den Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg eines Medienunternehmens aus Köln und damit eine zutiefst deutsche Geschichte.

Alfred Neven DuMont, der Patriarch, hat natürlich gewusst, was da auf ihn und die Familie zukommt. Und er hat, immer noch der Kopf der Gruppe, am Wochenende per Interview in der „Süddeutschen Zeitung“ versucht, die Öffentlichkeit einzustimmen. „Alle mussten mit dem Teufel tanzen“, hat er dem Chefredakteur der Konkurrenz in den Block diktiert, als es um die wohl alles entscheidende Frage geht, ob er seinen Vater, den Verleger Kurt Neven DuMont, einen Nazi nennen würde.

Keine Frage, das Buch entlarvt so manche Kölner Geschichte als schönen Schein. Alfred Neven DuMont, mit 81 Jahren eine immer noch eindrucksvolle Figur, ist sichtlich angespannt, als er am Montag Pohls Anmerkungen folgt. Nur einmal bricht es kurz aus ihm heraus, er wisse, warum seine Mutter die fraglichen Grundstücke in Köln gekauft habe, ruft er laut in den Raum. Später sagt er, das Buch habe eine „wunderbar große Wirkung“, es handle von „unserem deutschen Schicksal“. Harold James, der große britische Unternehmenshistoriker, der in Princeton lehrt und deutsche Firmengeschichte so gut kennt wie kaum einer, hat sich vom Pathos des Augenblicks anstecken lassen. In seiner Laudatio stimmt er ebenfalls große Töne an: Pohls Buch biete das „Modell für die Selbstaufgabe des Bürgertums“ und sei insofern die Schilderung der „Tragödie des bürgerlichen Deutschland“.

Mag Thomas Mann das Thema mit dem Doktor Faustus auch schon 1947 angeschlagen haben, über das Treiben deutscher Zeitungsverlage im Nazi-Regime ist bislang erstaunlich wenig bekanntgeworden. Dass die einschlägigen Bestände in den Wirren des Bombenkriegs verbrannt seien, war ja nicht nur in Köln jahrzehntelang ein treffliches Argument gegen eine Beschäftigung mit der allerdüstersten aller deutschen Epochen. „Verbrannte Bestände? Das hat bis 1990 fast jedes deutsche Unternehmen von sich behauptet“, erzählt Pohl.

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