Medienkarriere in Oberösterreich
Google: Lasst den Trash im Dorf

Alles beginnt mit einer Meldung des Kurznachrichtendienstes Twitter: "Google verhandelt über 60ha betriebsgelände in kronstorf!?!?". Die Medienkarriere nimmt ihren Lauf und führt die Meldung bis in die klassischen österreichischen Medien wie "Standard" und ORF. Deren Quelle: "Gerüchte im Internet". Wie aus Small-Talk auf dem Golfplatz in Internet-Zeiten eine Nachricht wird.

DÜSSELDORF. Es beginnt auf dem Golfplatz von Kronstorf, einem 3 100-Einwohner-Ort in Oberösterreich. Ein Bekannter fragt Simon Kopf: "Hast Du gehört? Google kommt hierher." Google? In die Provinz? "Ich war neugierig und hab mich umgehört", sagt Kopf. Ein anderer Bekannter verrät dem Technikvorstand der Softwarefirma Sequax: Am Wirtshaustisch ist längst rum - Google will ein Areal südlich des Orts kaufen, 60 Hektar groß.

Solch ein Ereignis ließ sich in einem Winz-Städtchen noch nie verheimlichen. Schon immer wurde getuschelt und spekuliert, an Tankstellen, Theken, Sportfeldern. Nur: Früher blieb die Meldung im Dorf. Doch dies ist die Zeit des Internet. Und so wird Kronstorf ein Musterbeispiels für mediale Kommunikation in den Zeiten des Web 2.0.

Denn Kopf ist Nutzer des Kurznachrichtendienstes Twitter. Dort können Nutzer Meldungen mit bis zu 140 Zeichen schreiben. Und jeder, der mag, liest mit. Im Fall von Kopf sind es nicht mal zehn Menschen, die am Dienstag, 20.38 Uhr, lesen: "Google verhandelt über 60ha betriebsgelände in kronstorf!?!?"

Ein Gerücht, mehr nicht. "Die Quellen waren glaubwürdig. Es fehlte auch die Motivation, ein falsches Gerücht in die Welt zu setzen", sagt Helge Fahrnberger. Der selbstständige Software-Berater setzt die Meldung in sein Weblog. Der Artikel beginnt mit den Worten "Achtung Gerüchteküche". Bald diskutieren seine Leser und recherchieren. Es zeichnet sich ab: Kronstorf könnte Standort für einen der Datenspeicher werden, die Google weltweit betreibt. Investitionssumme: ein dreistelliger Millionenbetrag.

Die klassischen Medien werden aufmerksam: Der ORF meldet das Gerücht auf seiner Web-Seite, es folgen der "Standard" und "Oberösterreichische Nachrichten". Ihre Quelle: "Gerüchte im Internet".

Ein normaler Nachrichtenweg, meint Fahrnberger: "Jemand hört etwas, man spricht drüber und jeder bringt neue Aspekte ein, irgendwann landet es dann in der Zeitung. Neu ist, dass dieser Prozess transparent wird: Die erste Information auf Twitter, dann die Diskussion bei mir im Blog, wo viele neue Aspekte eingebracht wurden. Mit der Transparenz der Quellen geht auch ein offenerer Umgang mit ,Subjektivität? einher. Es ist nicht mehr zeitgemäß, ,Wahrheit? verkünden zu wollen - jeder kann sich eine Meinung bilden."

Zum Beispiel zur Reaktion von Google. Sprecher Kay Oberbeck dementiert nicht, sondern erklärt vielsagend, der Konzern habe Dutzende von Datenspeicher weltweit, es könne keine Überraschung sein, dass deren Zahl steige.

Und die Gemeinde? Die Honoratioren sind sauer auf Twitterer Kopf. Denn "die Kuh ist noch nicht im Stall", sagt Bürgermeister Wilhelm Zunderstorfer dem ORF. Die Angst vor einem Google-Rückzieher geht um. Kronstorf hätte dann einen Investor verloren - wegen Tratsch und Web 2.0.

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