Der Medien-Kommissar Die Lüge mit der Lügenpresse

Die fremdenfeindliche „Pegida“-Bewegung macht Front gegen die Medien in der Demokratie. Statt die geistige Brandstiftung totzuschweigen, ist ein offener Diskurs notwendig – von beiden Seiten.
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.
Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

„Lügenpresse halt die Fresse“ schallte es den Journalisten bei den Aufmärschen der fremdenfeindlichen Bewegung „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ („Pegida“) nicht nur in Dresden entgegen. Das einst vom nationalsozialistischen Propaganda-Minister Joseph Goebbels popularisierte Wort der „Lügenpresse“ ist an sich nichts Neues. Es gehört seit Jahren zum Standortrepertoire von Rechtsextremisten in Europa, die seit jeher mit dem Recht auf freie Berichterstattung auf Kriegsfuß stehen. Neu ist, dass diese geistige Brandstiftung in Deutschland kein Außenseiterphänomen irgendwelcher Radikalinskis mehr ist, sondern gerade dabei ist, massentauglich zu werden.

Eine Welt mit immer komplexeren Herausforderungen ist der ideale Humus für absurde Manipulationstheorien. Die Liste komplizierter Themen ist lang: Islam, Immigration, Hartz IV, Euro-Krise, Ukraine-Konflikt, Aufstieg der Autokraten etc. Wer die im Internet kursierenden Kommentare aus der Deckung der Anonymität sorgfältig liest, wird erschrecken, welcher hanebüchene Unsinn über die angeblich von geheimen Mächten und Staaten gelenkten Medien verzapft wird. Krude Spekulationen soweit das Auge reicht.

Es ist verführerisch und einfach sich über diese Ängste und Forderungen lustig zu machen. Für manchen wäre es sogar noch eleganter, den alten Kampfruf der Lügenpresse schlichtweg totzuschweigen. Das wäre der größte Fehler.

Zu den Grundlagen einer funktionierenden Demokratie gehören freie und unabhängige Medien. Wer den Vorwurf der „Lügenpresse“, den von Goebbels benutzten Kampfruf, um Andersdenkende zu verleumden, skandiert, darf nicht ignoriert werden. Dieser Fehler wurde in der Endphase der Weimarer Republik schon einmal gemacht. Notwendig ist ein offener und ernsthafter Diskurs in der bundesrepublikanischen Gesellschaft.

In den vergangenen Jahren haben die großen Debatten um die Zukunftsfragen in Deutschland nur eingeschränkt stattgefunden. Viele Probleme sind von den politisch Verantwortlichen ignoriert, weggeschoben oder weggelächelt worden. Dazu gehört zweifellos die fehlende kohärente Immigrationspolitik, der programmierte soziale Abstieg bei längerer Arbeitslosigkeit (Hartz IV) oder das gefährliche Schlingern in der Finanzkrise der EU. Statt einer offenen Auseinandersetzung wurschtelten sich die politisch Verantwortlichen durch die „neue Unübersichtlichkeit“, wie es Jürgen Habermas einst hellseherisch formulierte.

Medien tragen Mitverantwortung
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44 Kommentare zu "Der Medien-Kommissar: Die Lüge mit der Lügenpresse"

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  • Es sollte natürlich heißen:

    "...ca. eine Millionen weniger Zeitungen und Zeitschriften als im Jahre 2003 verkauft."

  • Herr Norbert Wolter,
    arbeiten Sie für den Springer-Verlag?

  • Ach so, ich vergaß: Es war die sog. Lügenpresse, die über "Schariah-Polizei" in Wuppertal, die Salafistenproblematik, den IS-Terror, und vor allen Dingen über Folter bei der CIA in den USA berichtete.
    Wie ich finde, sehr sachlich und ausgewogen. Für mich Beweis, dass Meinungs-und Pressefreiheit in der westlichen Welt funktionieren.
    Zum Abschluss noch ein kurzer Witz zur Entspannung: In Russland herrscht Meinungs- und Pressefreiheit!

  • Herr "Dr." Klein, was Sie da von sich geben ist nur die halbe Wahrheit. In der Tat gehen die Verkäufe von Zeitungen und Zeitschriften zurück. Dafür steigen aber die Umsätze und Verkäufe bei digitalen Medien bzw. Online-Diensten. Warum soll ich noch in den Zeitungsladen hecheln, wenn ich auch online Zeitung lesen kann? Meine Papiertonne quillt auch so schon über. Übrigens, Sie haben den Axel-Springer-Konzern vergessen. Top Unternehmen, Top Zahlen, Top Dividende, Friede Springer hat mal eben 40500 Aktien dazu gekauft.
    Alles nachzulesen unter http://www.axelspringer.de/Investor-Relations-Publikationen_38300.html

    http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2015-01/32436126-dgap-dd-axel-springer-se-deutsch-016.htm

    Würde mich freuen, wenn Axel-Springer auch das Handelsblatt aufkauft. Das soll jetzt aber keine Werbung für Axel sein, verehrte HB-Redaktion, sondern ein Bekenntnis für die sog. "Lügenpresse" und für Meinungsfreiheit.

  • Die "Systempresse" bzw. die deutschen "Qualitätsmedien" sind selbstverständlich manipulativ unterwegs.
    Der unsägliche Hr. Kleber vom ZDF, der Oberschreiber der BILD-Zeitung, Hr. Dieckmann, die nägelkauende Frau Merkel sowie der Bundespräsi Gauck sitzen alle in der "Atlantik-Brücke" und sonstigen CIA-Clübchen und holen sich dort ihre ideologische Ausrichtung ab.
    Die deutsche Medienlandschaft ist im Eigentum weniger Familien (Fr. Springer, Fr. Mohn), die aus naheliegenden Motiven heraus ein Interesse am Wahlerfolg der Merkel-CDU haben.
    Entsprechend ist die Berichterstattung bzw. entsprechend wird jedweder politische Gegener mit lauteren und unlauteren Methoden mundtot gemacht.

  • lesen und verstehen scheint bei Ihnen auch nicht wirklich eines zu sein, oder?

    das Wort 'scheint' sollte auch Ihnen bekannt sein, ansonsten mal googeln :-)

    zudem darf man gerne weiter lesen, der nächste Satz: "So fällt halt eine Menge der Masse auf "falsche Propheten" herein." drückt für jeden verständigen Menschen aus, dass ich mich selbst nicht zu dieser Masse zähle.
    Aber an Ihrer Reaktion erkenne ich eine gewisse Wut. Worauf? Sie sind doch nicht etw selbst Journalist? Mit zu wenig Zeit zur Recherche und zu schlechter Bezahlung?

  • 1) Was ist denn im Gegensatz dazu ein "Nicht-Besitzmillionär"?
    2) Auch wenn die viel zitierte Schere "auseinander" geht. Steigt das untere Limit, die sogenannte Armutsgrenze an. Jeder hat in Deutschland ein Smartphone sowie eine Krankenversicherung und bekommt essen und ein Dach über dem Kopf ohne je in die Solidargemeinschaft auch nur einen € eingezahlt zu haben. Wenn das "arm" ist, dann bin ich beruhigt, was der Raubtierkapitalismus geschaffen hat.

  • Zur "Lügenpresse" gehört, wenn sie von "vermeintlicher" Islamisierung berichtet.
    Wie sonst muss man einen Stadtteil wir Duisburg-Hochfeld nennen, wenn nicht "islamisiert"? "Muslimisiert" vielleicht?

  • Hans-Joachim Friedrichs hat mal gesagt, einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten. Nur leider ist dieser Typus Journalist sehr selten geworden in der heutigen Medienwelt, was dazu fuehrt, dass die Leute der Presse nicht mehr allzu viel glauben.
    Ich wuerde mich freuen, wenn die Medienvertreter wieder mehr Distanz einnenhmen und mehr Zeit fuer die Recherché verwenden.

  • Lügenpresse ./. guter Journalismus

    ich habe mal ein wenig in den Berichten des HB gestöbert:

    04.06.2014 - Ölreserven der USA sinken - http://www.handelsblatt.com/finanzen/rohstoffe-devisen/rohstoffe/rohstoffhandel-oelpreise-leicht-im-plus/9988518.html

    10.06.2014 - schwungvollere globale Konjunktur lassen Ölpreise steigen
    http://www.handelsblatt.com/finanzen/rohstoffe-devisen/rohstoffe/rohstoffe-oelpreise-legen-weiter-zu/10012710.html

    17.06.2014 - Energie wird nach Angaben der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) wegen der sich verschärfenden Krisen in der Ukraine und im Irak weltweit teurer
    http://www.handelsblatt.com/politik/international/irak-krise-energieagentur-sieht-probleme-bei-oel-produktion-seite-all/10057168-all.html

    und heute - ein halbes Jahr später sind die Ölpreise bei der Hälfte.

    Die Förderung durch fracking sind aber nicht auf das fünffache gestiegen, die Weltkonjunktur ist nicht zusammengebrochen, oder etwa doch?

    Was ist also der tatsächliche Grund für derart gefallene Preise???
    Jounalisten würden mir mehr bieten als dieses hier:
    Rennen an die Zapfsäulen
    http://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/was-vom-tage-bleibt/was-vom-tage-bleibt-schwarze-rosen-aus-athen/11188736.html

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