Der Medien-Kommissar
Früherer RTL-Chef will Kanzler werden

Gerhard Zeiler wagt das größte Abenteuer seines Lebens. Der 59-Jährige steht als Kandidat für das österreichische Regierungsamt bereit. Der Fernsehmanager will sein Heimatland vor dem wirtschaftlichen Abstieg bewahren.
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Das Amt des Bundeskanzlers in Österreich hat Gerhard Zeiler immer schon gelockt. Der frühere CEO des Fernsehkonzerns RTL Group und Bertelsmann-Vorstand hat sich stets auch als Homo Politicus verstanden. Schließlich hat der im Wiener Arbeiter- und Immigrantenviertel aufgewachsene Sozialdemokrat bereits in jungen Jahren zwei österreichischen Bundeskanzlern gedient. Seine engen Verbindungen in die SPÖ hat er in allen den vielen Jahren in Deutschland, Luxemburg und Großbritannien nie vernachlässigt.

In den vergangenen Monaten war der 59-Jährige besonders häufig in der österreichischen Hauptstadt unterwegs. Als Präsident von Turner Broadcasting System (CNN, Cartoon Network, TNT), der Fernsehtochter des US-Medienkonzerns Time Warner, hat er in Wien eigentlich wenig zu tun. Nun hat Zeiler die Katze aus dem Sack gelassen, wieso er so oft in der Donaumetropole unterwegs war. Er hat seine Bereitschaft für eine Kandidatur für das Amt des österreichischen Bundeskanzlers indirekt erklärt. „Ich wäre bereit, Verantwortung zu übernehmen“, sagte Zeiler der Wiener Tageszeitung „Der Kurier“, die vom ehemaligen N-TV-Chef Helmut Brandstätter als Chefredakteur geleitet wird. „Ich war dem Land Österreich und meiner politischen Heimat, der Sozialdemokratie, immer verbunden“, sagt der Medienmanager, der Dank der SPÖ es bereits in jungen Jahren auf den Chefsessel der ORF geschafft hatte.

Zeilers Positionierung als möglicher Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten in der Alpenrepublik ist eine Provokation für den Amtsinhaber Werner Faymann. Denn Parlamentswahlen stehen in Österreich überhaupt nicht an. Schließlich wurde der Regierungschef erst vor weniger als zwei Jahren gewählt. Doch Zeiler hat einen guten Moment gewählt, seinen Hut in den Ring zu werfen. Denn die Nervosität der österreichischen Sozialdemokratien angesichts von Wahlniederlagen steigt.

Der blasse Faymann, der in zusammen mit der konservativen ÖVP in einer Großen Koalition regiert, ist politisch schwer angeschlagen. Der österreichische Kanzler und Parteichef konnte oder wollte nicht verhindern, dass ausgerechnet der sozialdemokratische Ministerpräsident des Burgenlandes eine Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ eingegangen ist. Die ausländerfeindliche ehemalige Haider-Partei könnte nun im Herbst in Wien die SPÖ nach mehr als einem halben Jahrhundert als Regierungspartei ablösen. Sollte dieser Fall eintreten, wäre Faymann als Kanzler nicht mehr zu halten, glauben viele in Wien. Dann würde Zeilers Stunde schneller schlagen als sich das manche jetzt noch vorstellen können.

Der erfolgreiche Medienmanager bringt alle Voraussetzungen mit, sein Heimatland aus der wirtschaftlichen Stagnation zu führen. Sowohl bei RTL als auch bei Turner hat er sich als Sanierer bewährt. Der pragmatische Manager besitzt kreative Führerschaft, unternehmerischen Mut und hat keine Probleme auch Fehlentscheidungen wie zum Beispiel den misslungenen Einstieg von RTL in das griechische Fernsehgeschäft zu benennen und zu korrigieren. Hinzu kommt Zeilers persönliche Konstellation. In dritter Ehe ist der gebürtige Wiener mit einer Unternehmerin in Salzburg verheiratet – Ost- und Westösterreich vereint. In der Kulturstadt an der Salzach hat er auch seinen Hauptwohnsitz genommen. Dort zahlt er trotz der im europäischen Vergleich hohen Abgabenlast in Österreich seine Steuern. Das nennt man pekuniäre Heimatliebe.

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