Der Medien-Kommissar
Gütersloh statt Luxemburg

Mit ihrem Verzicht auf den Vorstandsvorsitz bei der RTL Group beweist Anke Schäferkordt strategische Weitsicht. Bisweilen ist weniger mehr, wenn es um die Zukunft von Europas größtem Medienkonzern Bertelsmann geht.
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Die kurvenreiche Fahrt von Köln nach Luxemburg ist mühselig und langwierig. Bis heute verbindet die beiden Städte keine direkte Autobahn. Anke Schäferkordt, Deutschlandchefin der RTL Mediengruppe in Köln, kann von der beschwerlichen Reise in der Firmenlimousine mit Staus und Funklöchern ein Lied singen. In den vergangenen fünf Jahren ertrug sie das Pendeln in das Großherzogtum nur schwer. Nun ist damit endlich Schluss.

Freiwillig verzichtet die 54-jährige Diplom-Kauffrau auf den Chefsessel von Europas größtem Fernsehkonzern RTL Group, der im Luxemburger Europa-Viertel Kirchberg residiert. Damit schafft sich die Gastronomen-Tochter aus dem Weserbergland Zeit, Antworten auf den Umbruch in der Fernsehbranche zu finden.

In Zukunft will sich Schäferkordt zum einen ganz auf ihre Arbeit in Deutschland mit der RTL-Senderfamilie – über Vox, Super RTL, RTL Nitro bis hin zu N-TV - konzentrieren. Zum anderen will sie auch weiterhin fleißig nach Gütersloh, dem Sitz des Mutterkonzerns Bertelsmann, pendeln. Beim ostfälischen Familienunternehmen sitzt sie als einzige Frau im Vorstand und spielt aufgrund der Größe ihres Geschäfts eine Schlüsselrolle.

Die außergewöhnliche Entscheidung, den CEO-Posten abzugeben, zeugt von Weitsicht. Denn dem Fernsehen steht eine Disruption bevor, die andere Medienbranchen wie beispielsweise die Musikindustrie, Zeitungen und Zeitschriften bereits längst erfasst hat. Noch verstellen die exzellenten Zahlen der TV-Konzerne die klare Sicht auf die strategischen Herausforderungen der Zukunft.

Zum Abschied aus Luxemburg legte Schäferkordt mit ihren Co-CEO Guillaume de Posch nochmals eine schöne Bilanz vor. Der Umsatz stieg um über drei Prozent auf stolze 6,2 Milliarden Euro und das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) kletterte in ähnlicher Größe auf 1,2 Milliarden Euro.

Die Resultate des vergangenen Jahres können aber nicht darüber hinweg täuschen, dass der größte Gewinnbringer im Bertelsmann-Reich vor gewaltigen Herausforderungen steht. Denn von den gesamten Erlösen stammen nur 670 Millionen Euro aus dem noch immer überschaubaren Digitalgeschäft – trotz kräftiger Steigerung.

Das lineare Privatfernsehen, das in Deutschland in den 1980er-Jahren seinen Anfang nahm, überschreitet gerade seinen Höhepunkt. Nicht nur die Zuschauer bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten wie ARD, ZDF und den dritten Programmen werden älter, sondern auch im Privatfernsehen. Jüngere Zielgruppe wollen überall und jederzeit ihre Lieblingssendungen sehen und nicht erst warten, bis sie ein Programmdirektor ins Abendprogramm hievt.

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