Der Medien-Kommissar Gütersloh statt Luxemburg

Mit ihrem Verzicht auf den Vorstandsvorsitz bei der RTL Group beweist Anke Schäferkordt strategische Weitsicht. Bisweilen ist weniger mehr, wenn es um die Zukunft von Europas größtem Medienkonzern Bertelsmann geht.
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.
Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Die kurvenreiche Fahrt von Köln nach Luxemburg ist mühselig und langwierig. Bis heute verbindet die beiden Städte keine direkte Autobahn. Anke Schäferkordt, Deutschlandchefin der RTL Mediengruppe in Köln, kann von der beschwerlichen Reise in der Firmenlimousine mit Staus und Funklöchern ein Lied singen. In den vergangenen fünf Jahren ertrug sie das Pendeln in das Großherzogtum nur schwer. Nun ist damit endlich Schluss.

Freiwillig verzichtet die 54-jährige Diplom-Kauffrau auf den Chefsessel von Europas größtem Fernsehkonzern RTL Group, der im Luxemburger Europa-Viertel Kirchberg residiert. Damit schafft sich die Gastronomen-Tochter aus dem Weserbergland Zeit, Antworten auf den Umbruch in der Fernsehbranche zu finden.

In Zukunft will sich Schäferkordt zum einen ganz auf ihre Arbeit in Deutschland mit der RTL-Senderfamilie – über Vox, Super RTL, RTL Nitro bis hin zu N-TV - konzentrieren. Zum anderen will sie auch weiterhin fleißig nach Gütersloh, dem Sitz des Mutterkonzerns Bertelsmann, pendeln. Beim ostfälischen Familienunternehmen sitzt sie als einzige Frau im Vorstand und spielt aufgrund der Größe ihres Geschäfts eine Schlüsselrolle.

Die außergewöhnliche Entscheidung, den CEO-Posten abzugeben, zeugt von Weitsicht. Denn dem Fernsehen steht eine Disruption bevor, die andere Medienbranchen wie beispielsweise die Musikindustrie, Zeitungen und Zeitschriften bereits längst erfasst hat. Noch verstellen die exzellenten Zahlen der TV-Konzerne die klare Sicht auf die strategischen Herausforderungen der Zukunft.

Zum Abschied aus Luxemburg legte Schäferkordt mit ihren Co-CEO Guillaume de Posch nochmals eine schöne Bilanz vor. Der Umsatz stieg um über drei Prozent auf stolze 6,2 Milliarden Euro und das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) kletterte in ähnlicher Größe auf 1,2 Milliarden Euro.

Das steckt im Medienriesen aus Gütersloh
Die Geschichte
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1835 gründete Carl Bertelsmann das Unternehmen in Gütersloh als Buchverlag – den C. Bertelsmann Verlag. Die ersten 100 Jahre des Unternehmens stehen programmatisch im Zeichen der christlichen-protestantischen Tradition. 1928 öffnete sich der Verlag für Belletristik. Während des zweiten Weltkrieges gab der Verlag völkisch-nationale, teilweise auch antisemitische Literatur heraus. In der Wiederaufbauzeit wandelte sich Bertelsmann vom mittelständischen Unternehmen zu einem globalen Medienkonzern. Wachstumstreiber war über Jahrzehnte der Lesering, der 2015 endgültig eingestellt wurde.

Bertelsmann heute
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2016 hat Bertelsmann hat einen Rekordgewinn eingefahren. Das Betriebsergebnis kletterte im vergangenen Jahr um 3,3 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro. Zum Konzernverbund gehören die Fernsehgruppe RTL Group, die Buchverlagsgruppe Penguin Random House, der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr, das Musikunternehmen BMG, der Dienstleister Arvato, die Bertelsmann Printing Group, die Bertelsmann Education Group sowie das internationale Fonds-Netzwerk Bertelsmann Investments.

RTL Group
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Die RTL Group ist mit 53 Fernseh- und 28 Radiosendern Europas größter Betreiber von werbefinanziertem Privatfernsehen und Privatradio. Die Mediengruppe, die von Anke Schäferkordt und Guillaume de Posch geführt wird, gehört mehrheitlich (rund 75 Prozent) zu Bertelsmann.

Penguin Random House
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Random House fungiert als Dachgesellschaft für alle Bertelsmann-Verlage. 2013 fusionierte Random House mit Penguin Books, einem Verlag im Besitz der Mediengruppe Pearson, zum weltgrößten Publikumsverlag Penguin Random House. An dem Verlag hält Bertelsmann 53 Prozent und Pearson 47 Prozent der Anteile. Die eigenständige deutsche Sparte von Random House gehört Bertelsmann. Dazu gehören Verlage wie Goldmann, Blessing Verlag oder auch die Deutsche Verlags-Anstalt (DVA).

Gruner + Jahr
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Gruner + Jahr (G+J) ist Europas größtes Druck- und Verlagshaus. Zu den Publikationen gehören Magazine wie „Stern“, „Capital“ und „Brigitte“, aber auch Beteiligungen am „Spiegel“, an Chefkoch.de und an der Henri-Nannen-Schule. Seit 2014 ist Bertelsmann der alleinige Eigentümer von Gruner + Jahr. Die Vorsitzende der Geschäftsführung ist Julia Jäkel.

BMG
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Mit BMG gründete Bertelsmann 2008 ein Musikunternehmen mit neuem Geschäftsmodell, das den Herausforderungen der digitalen Revolution auf dem Musikmarkt gerecht werden soll. Anders als sonst üblich werden Veröffentlichungs- und Aufnahmerechte aus einer Hand über eine gemeinsame Plattform international vertreten. BMG ist der viertgrößte Musikverlag der Welt. Zu den BMG-Künstlern gehört unter anderem Andreas Bourani.

Arvato
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Arvato ist ein international tätiger Outsourcing-Dienstleister. Das Unternehmen mit Sitz in Gütersloh ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft von Bertelsmann. Arvato beschäftigt nach eigenen Angaben mehr als 70.000 Mitarbeitern in über 40 Ländern. Das Unternehmen gliedert sich in sieben sogenannten Solution Groups, die Geschäftsbereiche wie Call-Center, Adresshandel, Direktmarketing, Finanzdienstleistungen oder auch Cloud Computing umfassen.

Die Resultate des vergangenen Jahres können aber nicht darüber hinweg täuschen, dass der größte Gewinnbringer im Bertelsmann-Reich vor gewaltigen Herausforderungen steht. Denn von den gesamten Erlösen stammen nur 670 Millionen Euro aus dem noch immer überschaubaren Digitalgeschäft – trotz kräftiger Steigerung.

Das lineare Privatfernsehen, das in Deutschland in den 1980er-Jahren seinen Anfang nahm, überschreitet gerade seinen Höhepunkt. Nicht nur die Zuschauer bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten wie ARD, ZDF und den dritten Programmen werden älter, sondern auch im Privatfernsehen. Jüngere Zielgruppe wollen überall und jederzeit ihre Lieblingssendungen sehen und nicht erst warten, bis sie ein Programmdirektor ins Abendprogramm hievt.

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