Der Medien-Kommissar
Hollywood an der Moldau

Die Filmstudios in Prag ziehen immer mehr deutsche Produktionen an. Niedrige Lohnkosten, hohe Handwerkskunst, lukrative Steuervorteile und außergewöhnliche Drehorte locken an die Moldau.
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Ein Arbeitsmigrant in die umgekehrte Richtung ist Tim Greve. Der Herstellungsleiter der UFA Fiction pendelt jede Woche von Berlin nach Prag – der Filmkunst wegen. Denn in der tschechischen Hauptstadt findet der erfahrene Produzent vieles, was Berlin überhaupt nicht bieten kann – nämlich Häuser und Straßen, die noch so aussehen wie das Berlin in den 70er-Jahren, als Willy Brandt noch deutscher Bundeskanzler war. Die Bertelsmann-Filmtochter UFA und Beta Film dreht in Prag gerade den ZDF-Dreiteiler „Der geteilte Himmel“.
Seit vier Wochen laufen die Dreharbeiten in Prag und Umgebung. Greve hat in seinem spartanischen Büro auf dem Gelände in den Barrandov-Filmstudios der tschechischen Hauptstadt in diesen Tagen alle Hände voll zu tun. Gleich nebenan lässt die UFA das Berlin von 1974 in einem historischen Studio wieder aufleben. In dem mit Holzboden ausgestatteten Studio bohren und sägen die Handwerker unter Hochdruck, um eine DDR-Wohnung bis ins kleinste Detail zu rekonstruieren.

Während die für ihre Perfektion bekannten Ausstatter im Prager Studio fleißig werkeln, arbeitet Regisseur Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“, „Elser“) an einer Straßenszene in der tristen Industriestadt Kladno, rund 45 Autominuten von den Prager Studios. Die Musterstadt aus kommunistischen Zeiten ist für Hirschbiegel eine Traumkulisse. Vor einem der stalinistischen Arbeiterpaläste läuft der 58-Jährige in seiner olivengrünen US-Army-Jacke konzentriert neben dem Kameramann. Auf sein Kommando verlässt Stasi-Mann Lars Werber (Tom Schilling) in ostalgischem Outfit stumm das triste Hochhaus in Richtung seines geparkten Trabis. Schnitt. Hirschbiegel lächelt, Greve auch.

„In Berlin findet man heute keine komplett unrenovierten Straßenzüge mehr. Das ist einer der Gründe, weshalb wir nach Tschechien gehen“, sagt mir Nico Hofmann, Chef der UFA Fiction und designierter UFA-Chef, zur Erklärung. Deutschlands erfolgreichster Filmproduzent ergänzt: „Wir sind in Prag quasi Dauergast.“ Die UFA drehte bereits das KZ-Drama „Nackt unter Wölfen“, das die ARD im April ausstrahlte, in Prag. Regisseur Philipp Kadelbach erhielt dafür in diesem Jahr den Bayerischen Filmpreis.

In den nüchternen Büros der Ufa in den Barrandov-Filmstudios bereitet Herstellungsleiter Greve bereits das nächste Großprojekt der UFA in Prag namens „Charité“ vor. Der Dreiteiler für die ARD wird die Geschichte der berühmten Klinik an der Spree Ende des 19. Jahrhundert erzählen. Mal wieder liegt Berlin in Prag – sicher nicht zum letzten Mal.

Mittlerweile gibt sich in Prag die Welt die Türklinke. Chinesen, Franzosen und Deutsche geben sich die Studiotürklinke in die Hand. Auch die Amerikaner haben das Hollywood an der Moldau entdeckt. Die großen Studios aus Los Angeles haben Prag im Auge. Paramount produzierte „Mission Impossible“ und Sony/MGM den Bond-Film „Casino Royale“.

Weshalb es die UFA Fiction ausgerechnet nach Prag zieht, dafür gibt es viele Gründe.

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