Der Medien-Kommissar
Leise bröckelt der Fernsehkonsum

Noch feiert sich das vor 30 Jahre gestartete Privatfernsehen mit großen Shows. Was bei den Geburtstagsständchen verschwiegen wird: Die TV-Branche hat ihren Zenit überschritten. Die Lust aufs Fernsehen geht zurück.
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Das ist bitter für RTL. Die Selbstbeweihräucherung zum 30. Geburtstag wollten sich sehr viel weniger Zuschauer ansehen als erwartet. Den zweiten Teil der von Moderator Thomas Gottschalk noch einigermaßen geschickt präsentierten Pretiosen aus der Fernsehtruhe des Anfang Januar 1984 in Luxemburg gegründeten Privatsenders verfolgten zuletzt nur rund 5,5 Millionen Menschen vor dem Bildschirm. Der alles andere als großartige ZDF-Krimi „Stubbe – von Fall zu Fall“ verwies den Kölner Privatkanal mit knapp acht Millionen Zuschauern klar auf den zweiten Platz. Beim ersten Teil der RTL-Geschichte waren es sogar nur 5,2 Millionen Zuschauer. Eine richtig tolle Geburtstagsparty in Köln sieht anders aus.

Anlässlich der Feierlichkeiten wird gerne so getan, als sei die Fernsehwelt noch in Ordnung. Dabei befindet sich die TV-Branche in einer ausgesprochenen Sinnkrise. Denn die Faszination des Mediums lässt nach. So geht die Sehdauer in Deutschland langsam zurück. Verbrachte jeder Deutsche im Jahr 2012 noch 222 Minuten vor der Mattscheibe, waren es 2013 nach Angaben von Media Control nur noch 220 Minuten (Stand: 26. Dezember). 2011 waren es sogar noch 225 Minuten. Leise bröckelt der Fernsehkonsum.

Besonders dramatisch: Das Fernsehen wird zunehmend ein Medium für die noch im analogen Zeitalter aufgewachsenen Zuschauer. Bei den für die Werbewirtschaft so wichtigen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen ging im vergangenen Jahr die Nutzungsdauer von 187 auf 182 Minuten zurück. Das ist bitter, denn die verlorene Reichweite kostet bei den Werbeeinnahmen richtig viel Geld.

Immer mehr Menschen sehen Filme und Nachrichten schließlich auf dem Computer, Tablet-PC oder Handy. Das Problem für die Fernsehkonzerne: Sie können die Veränderung des Medienverhaltens bislang noch nicht richtig zu Geld machen. Im Vergleich zu den sprudelnden Gewinnen beim TV ist bei der Werbevermarktung im Internet noch nicht der große Reibach zu machen. Ohnehin besitzt Google, die unbestrittene Nummer Eins im Online-Werbegeschäft mit der Videoplattform Youtube das größte Bewegtbildportal der Welt. Das ist ein uneinholbarer Vorsprung.

Große Teile der Fernsehbranche betreiben eine Vogel-Strauß-Politik. Sie schaffen es im Gegenteil zur selbstanklägerischen Printbranche glänzend, die Herausforderungen in der digitalen Welt zum Nichtthema zu erklären. Hinter vorgehaltener Hand bekennen Manager allerdings, dass die goldenen Zeiten vorüber sind und ziehen daraus erste Konsequenzen. Bertelsmann, Eigner von Europas größtem Fernsehkonzern, sieht sein Heil nicht mehr im Ausbau des Fernsehgeschäfts. Die Gütersloher haben daher ihren Mehrheitsanteil zuletzt deutlich verringert.

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  • "Generationsbedingt ... wenn in ein paar Jahren die Jugend von heute eigene Haushalte unterhalten wird, wird der "Fernseher" so beliebt sein wie das Gruenderzeit-Sofa von Oma. "
    Um dem vorzubeugen hat man ja die GEZ-Gebühr auf eine Haushaltsabgabe umgestellt. Manchmal haben Politiker doch eine ziemliche Weitsicht ;-)

  • Ich habe seit 15 Jahren keinen Fernseher mehr im Haus, denn die einstudierten Grimassen unserer rot-grün-verblödenden Journaille mit ihrem politisch korrekten, eregierten, moralinsauren Zeigefinger ist für mich einfach nicht mehr zumutbar. Ich habe eine richtiggehende Allergie gegen diese Clowns entwickelt, und es juckt dann in meinen Handknöcheln ......

  • Generationsbedingt ... wenn in ein paar Jahren die Jugend von heute eigene Haushalte unterhalten wird, wird der "Fernseher" so beliebt sein wie das Gruenderzeit-Sofa von Oma.

    Was mir immer noch nicht klar ist, warum "die von gestern", die sich jeder Art von Dynamik in der Entwicklung entgegenstellen, nach dem Motto, so gefällts mir, so solls bleiben, immer noch in Führungspositionen geduldet werden.

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