Der Medien-Kommissar
Micky Maus gewinnt immer

Der Medienkonzern Disney verdient in Deutschland doppelt: mit der Gründung des Disney Channels und der lukrativen Beteiligung am Kindersender Super RTL. Das stellt ein Kuriosum in der Fernsehbranche dar.
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Lars Wagner ist in Hollywood ein glücklicher Mensch. Der Chef des zu Jahresbeginn gegründeten Disney Channels in Deutschland wallfahrt von Filmstudio zu Filmstudio, um sich mit seinen Kollegen stundenlang die neuen Programme anzusehen. Der gelernte Diplom-Ingenieur mit MBA setzt auf dem weitläufigen Gelände von Warner Bros. im Norden von Los Angeles sein strahlendes Lächeln auf. Das liegt nicht nur daran, dass die kalifornische Sonne scheint oder Hollywood größtes Filmstudio jedem der 1300 Einkäufer aus aller Welt – auch Wagner – einen iPad mini als Präsent in die Hand gedrückt hat. Es liegt vor allem daran, dass er es geschafft hat, mit dem Disney Channel den erfolgreichsten Senderstart seit über zehn Jahren im deutschen Fernsehen hinzulegen.

Aus dem Stand gelang es dem Kanal in der Zielgruppe des 3- bis 13-Jährigen über acht Prozent Marktanteil zu erzielen. Auf meine Frage, wann die Zehn-Prozent-Grenze übersprungen ist, grinst der 42-Jährige ein wenig verlegen.

Eines ist klar: Disney hat mit seinem Kindersender in Deutschland, dem größten Fernsehmarkt Europas, Großes vor und die zehn Prozent Zuschauerquote längst im Visier. Und Disney besitzt einen langen Atem. Es geht für den Micky-Maus-Konzern schließlich nicht nur darum, über die Werbevermarktung mit Großkunden wie Hasbro, Mattel oder Ferrero schnell in die Gewinnzone zu kommen. Der Disney Channel ist für den derzeit höchst erfolgreichen Konzern aus dem kalifornischen Burbank vor allem eine großartige Promotionsmaschine, um DVDs, Plüschtiere, Kinderklamotten und andere Merchandisingartikel, aber auch die Themenparks zu bewerben.

Wagner ist bei der Programmierung seines in München ansässigen Kanals nicht einmal ausschließlich auf Disney-Ware angewiesen. Er darf in Hollywood auch das eine oder andere Programm anderer Studios und Produktionsfirmen kaufen. Vom Hallmark Channel erwarb er beispielsweise die Serie „Cedar Cove“ („Das Gesetz des Herzens“) mit der bekannten US-Schauspielerin Andie McDowell.
Mit dem Markteintritt des Disney Channels wird der Kinderfernsehmarkt in Deutschland künftig kleinteiliger. Der Dauer-Marktführer Super RTL kann sich dank einer klugen Einkaufspolitik aber überraschend gut halten. Dabei erhält der Kölner Kanal aus dem Hause Disney („Eiskönigin“) seit einem halben Jahr keine TV-Inhalte mehr. Alles geht an den hauseigenen Disney Channel. Super RTL hat aber durch Verträge mit Studios wie Dreamworks („Drachenzähmen leicht gemacht“) oder Warner Bros. („Tom und Jerry“) und weiteren kleineren Produzenten den Lieferstopp kompensiert. Der Kölner Sender erwartet in diesem Jahr die stolze Umsatzrendite von 25 Prozent. Die Bruttowerbeeinnahmen liegen bei 285 Millionen Euro.
Die hohe Gewinnmarge freut auch Disney. Denn Super RTL lässt auch beim Micky-Maus-Konzern die Kassen klingeln. Disney besitzt trotz der Gründung des Disney Channels weiter die Hälfte der Anteile an Super RTL. Die anderen 50 Prozent gehören der Bertelsmann-Fernsehtochter RTL. Das ist weltweit eine kuriose Situation.
In den vergangenen Monaten wurde in der Branche immer wieder spekuliert, dass Disney quasi aus „hygienischen“ Gründen bei Super RTL aussteigen wird. Doch daran denken die Amerikaner nicht. Das wurde auf den L.A. Screenings klar. Sowohl Super RTL-Chef Claude Schmit als auch Wagner dementieren derartige Pläne. Schade für RTL! Denn die Kölner träumen schon seit vielen Jahren, die Geldverdienmaschine im deutschen Kinderfernsehen alleine zu besitzen.

Für das Management von Super RTL ist der Gesellschafter Disney im Übrigen derzeit kein Problem. Denn der Micky-Maus-Konzern hält sich seit dem Start des Disney Channel aus dem operativen Geschäft der RTL-Tochter komplett heraus. Als Aufsichtsräte hat der US-Konzern mittlerweile Manager des konzerneigenen Sportsender ESPN entsandt und nicht mehr aus dem TV- und Filmbereich, um eine Interessenkollision zu vermeiden. Disney sieht die Beteiligung als reines Finanzinvestment, das hohe Rendite abwerfen soll. „Noch nie war es so einfach mit Disney zusammen zu arbeiten“, sagte mir Super RTL-Chef Schmit in Hollywood. Denn in der Vergangenheit hatte es immer mal wieder im Gesellschafterkreis geknallt, wenn Disney unbedingt darauf drängte, seine Filmware in das Programm des Kölner Senders zu drücken.

Nicht alles ist Friede, Freude, Eierkuchen im deutschen Kinderfernsehen. Der harte Kampf um die attraktiven Inhalte hat schließlich wirtschaftliche Folgen für die Sender. Die Preise um die begehrte Top-Ware im Animationsfilm steigen, bilanziert ein erfahrener Einkäufer auf den L.A. Screenings, der schon viele Deals in Hollywood gemacht hat. Schmit bekennt offen, der Sender hätte „noch nie so viel Geld ausgegeben wie heute“. Die Hollywood-Studios können sich die Hände reiben und angesichts des gewinnträchtigen Rechtegeschäfts spielend leicht iPads an die Senderchefs verschenken.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

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Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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