Der Medien-Kommissar
Nie war Hollywood mutloser

Sony lässt die Satire „Das Interview“ mit der fiktiven Ermordung des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un im Giftschrank des Filmstudios verschwinden. Eine Entscheidung mit Folgen für die Traumfabrik und den Konzern.
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Angst kannte Charlie Chaplin nie. Sonst hätte er seine großartige Satire „Der große Diktator“ auf Adolf Hitler und den Nationalsozialismus gar nicht zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Hollywood drehen können. Das Meisterwerk, das sich in das globale Gedächtnis eingebrannt hat, hatte es bei seiner Premiere im Herbst 1940 schwer. In Chicago weigerten sich die Kinobetreiber Anti-Nazi-Film zu zeigen, um es sich nicht mit der deutschstämmigen Kundschaft zu verderben. Davon ließ sich Chaplin nicht schrecken. Sein Mut und seine Ausdauer für den „Großen Diktator“ haben sich ausgezahlt – künstlerisch, politisch und geschäftlich.

Bei Sony ist derzeit genau umgekehrt. Das Filmstudio des japanischen Elektronikriesen lässt die Satire „Das Interview“ mit der fiktiven Ermordung des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un im Giftschrank der Unternehmenszentrale im kalifornischen Culver City verschwinden. Der Grund: Angst. Das Kalkül der unbekannten Hacker ist aufgegangen. Amerikanische Filmtheaterbetreiber wollten den Streifen angesichts von Drohungen nicht aufführen. Sony reagiert panisch. Statt in aller Ruhe andere Vertriebskanäle zu wählen, beispielsweise den Film vorerst digital zu vertreiben, knickt das Filmstudio vorschnell ein. Nicht einmal US-Präsident Barak Obama kann die Ängstlichkeit begreifen und kritisiert öffentlich die Entscheidung. Ein außergewöhnlicher Vorgang.

Hollywood hat den Schwanz eingezogen. Die amerikanische Filmindustrie, die sich in Sonntagsreden gerne für globale Medienfreiheit einsetzt, ist plötzlich seltsam schweigsam. George Clooney, der mit einer öffentlichen Erklärung im Namen der Mächtigen in Hollywood einen Protest gegen die Entscheidung von Sony auf die Beine stellen wollte, scheiterte zu seiner eigenen Überraschung kläglich.

Nie war Hollywood mutloser als heute. Michael Lynton, seit zehn Jahren an der Spitze von Sony Pictures, beteuert im CNN-Interview, das Wegsperren der Diktatoren-Persiflage sei kein Fehler gewesen. Dass ausgerechnet der heute 54-jährige Sohn jüdischer Emigranten und für seine weltoffene Liberalität bekannte Unternehmer zu dieser Auffassung kommt, ist besonders bitter. Ist denn Michael Lynton nicht klar, dass er mit einer solchen Haltung die intoleranten Gegner der Diktatoren-Satire noch stärkt?

Kommentare zu " Der Medien-Kommissar: Nie war Hollywood mutloser"

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  • Hätten der mächtige Studioboss und sein Führungsteam mehr Mut bewiesen ...

    Hätte, Wäre Wenn und Aber ...

    Ja, aber wenn dann auch nur in einem Kino etwas passiert wäre, dann stände die Firma mit dem Rücken an der Wand - die komplette Presse würde über sie herfallen.

  • Quatsch, Hollywood ist nicht mutlos.
    Da die Studios mehr am Verkauf der DVDs nachher verdienen als an den Einspiel-Ergebnissen, wird der eigentliche Renner der DVD-Verkauf und Verleih sein.
    Die Sony-Aktion war deswegen richtig, um den Kinozuschauern die Angst vor Repressalien zu nehmen.

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