Der Medien-Kommissar
Pokerspiel um die Macht im ORF

Kalter Krieg im ORF: Finanzchef Richard Grasl hat gute Chancen, den langjährigen Generaldirektor Alexander Wrabetz abzulösen. Er könnte dabei indirekt vom Rechtsruck in Österreich profitieren.
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Das Leben im ORF ist eine Baustelle. Denn das verwinkelte, unansehnliche Beton-Monstrum des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich auf dem Küniglberg, einem Ausläufer des Wiener Waldes, wird mit einem Aufwand von 300 Millionen Euro komplett umgebaut. Sogar eine Anleihe wird begeben, um die Kosten zu stemmen. Alle leben derzeit im Provisorium – auch Finanzchef Richard Grasl.

Doch den 42jährigen Manager, der gerne auch ohne Krawatte, in seinem großzügigen Eckzimmer schaltet und waltet, ist dieser Schwebezustand durchaus recht. Denn seine jetzige Position als Kaufmännischer Direktor – die Nummer zwei der Rundfunkanstalt – soll nur vorübergehend sein. Denn der bullige Manager mit Handschlagqualität strebt den Chefposten beim ORF an. Damit würde er nach Bundeskanzler und Bundespräsidenten zum Drittmächtigsten Mann in der Alpenrepublik aufsteigen.

Grasl ist seit langem von großem Ehrgeiz getrieben. Als wir uns im Oktober 2010 zum ersten Mal in dem südfranzösischen Bilderbuchort Mougins, unweit von Cannes, trafen, spielte der Niederösterreicher bereits zwei Trümpfe bei seiner Selbstdarstellung aus. Er ist Journalist und Manager. Er kann Worte und Bilder, aber auch Zahlen. Das kommt in Österreich Medienbranche nicht allzu oft vor.

In Kreisen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt wird fest davon ausgegangen, dass Grasl bei der Wahl für den ORF-Chefposten im Sommer nächsten Jahres antritt. Er selbst schweigt lieber – aus wahltaktischen Gründen. Doch der Wahlkampf um die Macht beim ORF ist eröffnet. Die zweite Amtsperiode des Amtsinhabers Alexander Wrabetz läuft bereits Ende 2016 aus. Der SPÖ-nahe Generaldirektor beendet dann seine zweite Amtsperiode. Ob er eine Dritte anstrebt, ist noch offen.

Bislang hat sich Wrabetz noch nicht geäußert. Im Frühjahr sagte mir der ORF-Chef offenherzig: „Eine durchweg positive Bilanz, wie ich sie für mich in Anspruch nehme, bedeutet nicht, nie mehr etwas anderes zu machen.“ Einen Wechsel in die private Medienwirtschaft schließt der 55-Jährige bewusst nicht aus. Sein Vorbild ist Gerhard Zeiler. Der Wiener schaffte als ORF-Chef denn Sprung zu RTL 2 und schließlich zum Vorstandschef der RTL-Group. Heute bietet er sich als Kanzlerkandidat der SPÖ in Österreich an.

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