Der Medien-Kommissar
Politischer Machtkampf um den ORF

Bei der Besetzung des Chefpostens der österreichischen Rundfunkanstalt wird ein öffentlicher Ideenwettbewerb der Kandidaten inszeniert. Doch in Wahrheit geht es um politischen Einfluss in einem zerrissenen Land.
  • 0

So etwas würden sich die Gebührenzahler in Deutschland sicherlich auch wünschen: Bei der Wahl für das höchste Rundfunkamt in Österreich gibt es einen öffentlichen Ideenwettbewerb. Amtsinhaber Alexander Wrabetz und sein Herausforderer Richard Grasl, seit Jahren kaufmännischer Direktor des ORF, stellen ihre Programmideen vor. So dick wie ein Buch sind die Vorstellungen von Wrabetz für seine dritte Amtszeit. Der Sozialdemokrat, durchaus geschickt in der scheinbar ungeschickten Selbstdarstellung, inszeniert sich als digitaler Allrounder.

Sein Credo lautet: „Der ORF als Leitmedium im digitalen Zeitalter“. Er verspricht mehr Dialog mit dem Gebührenzahler über die sozialen Netzwerke und natürlich auch einen ORF-Kanal auf Googles Videoplattform Youtube. Sogar einen Chief Digital Officer will der frühere Manager in seiner nächsten Amtszeit installieren. Sein konservativer Herausforderer ist der gelernte Journalist Richard Grasl. Er wählt für sein in Dunkelblau gebundenes Wahlprogramm das Motto „Great things never come from comfort zones“.

Schön plakativ für einen ehrgeizigen Angreifer. Nebenher verspricht Grals die „größte Programmreform aller Zeiten“. Schließlich ist Wahlkampf. Und ganz wichtig: Er kündigt bei seiner Wahl zum ORF-Chef die Wiedereinführung des kuriosen Postens des Generalsekretärs an.

Das ist eine Position, die man eigentlich bei Parteien vermuten würde. Und genau darum geht es indirekt auch. Der künftige Generalsekretär soll sich wie in früheren ORF-Zeiten um eine enge Verbindung zu den Parteien und wichtige Personalfragen kümmern.

Doch einen Generalsekretär braucht es gar nicht, denn der ORF wurde von den Parteien längst in den Würgegriff genommen. Der konservative Vizekanzler und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner forderte beispielsweise in den Hauptnachrichten ZIB 2 ein langes ORF-Interview, weil der sozialdemokratische Kanzler auch ein solches beim Staatsrundfunk erhalten kann. Einen derartig schamlosen Umgang eines Politikers mit einem öffentlich-rechtlichen Sender vor laufender Kamera würde man eher auf dem Balkan als in einem westeuropäischen Land vermuten.

Seit dem heutigen Montagmittag stehen die Bewerber für die Position des ORF-Generaldirektors fest. Intendanten gibt es – anders als in Deutschland – übrigens im österreichischen Rundfunk nicht, sondern nur im Theater und der Oper. Neben Wrabetz und Grasl gibt es noch eine Handvoll chancenloser Bewerber, darunter auch die Gaudi-Bewerbung des Youtube-Unkorrekt-Satiriker Georg Anton.

Der ORF steht wirtschaftlich solide da. Im Gegensatz zu mancher ARD-Anstalt schreibt er keine roten Zahlen. Er ist Marktführer im Fernsehen, im Radio und im Internet bei den Informationsportalen. Doch das spielt bei der Wahl nicht die entscheidende Rolle.

Die Besetzung des Chefsessels in Wien ist nichts anderes als ein politischer Machtkampf. Kann sich die sozialdemokratische SPÖ mit Wrabetz wieder durchsetzen oder schafft es Grasl als Kandidat der konservativen ÖVP? Auf alle Fälle brauchen die Kandidaten die Unterstützung anderer Parteien.

Wer am Ende das Rennen bei der Wahl am 9. August macht, wird in den Hinterzimmern der Alpenrepublik ausgeklüngelt. Denn die Mehrheit für Wrabetz oder Grasl wird auf alle Fälle hauchdünn ausfallen. Eine Schlüsselrolle spielt der Vertreter der rechtspopulistischen FPÖ, der frühere Vizekanzler Norbert Steger und der liberale Milliardär und Gründer des Baukonzerns Strabag, Hans Peter Haselsteiner. Sie vertreten im Stiftungsrat, dem ORF-Aufsichtsgremium, die Parteien FPÖ und Neos.

Seite 1:

Politischer Machtkampf um den ORF

Seite 2:

Warum der Gebührenzahler stumm bleibt

Kommentare zu " Der Medien-Kommissar: Politischer Machtkampf um den ORF"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%