Der Medien-Kommissar
Pro Sieben Sat 1 auf dem Weg in den Dax

Mit dem Aufstieg des Fernsehkonzerns Pro 7 Sat 1 besteht erstmals die Chance, dass ein Medienunternehmen in den wichtigsten deutschen Aktienindex Dax aufsteigt. Die Aktionäre und die Medienbranche können sich freuen.
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Am Anfang wusste Thomas Ebeling selbst nicht so recht, ob der Wechsel von der Pharma- in die Medienbranche für ihn das Richtige sein würde.

Als er am 2. März 2009 bei bleigrauen Himmel erstmals als frisch gebackener Vorstandschef von Pro Sieben Sat 1 zur Konzernzentrale in der Unterföhringer Medienallee fuhr, übernahm er einen stagnierenden Fernsehriesen. An der Börse fristete das einstige Herzstück des Medienimperium von Leo Kirch, das später vom Hollywood-Milliardär Haim Saban übernommen wurde, nur ein Schattendasein. Die Zuversicht ging gegen null. Der Aktienkurs sprach Bände. Das Papier des MDax-Konzerns war im Cent-Bereich angekommen. Eine Aktie war für weniger als einen Euro erhältlich.

Knapp sechs Jahre später ist Pro Sieben Sat 1 ein Star an der Börse. Mit fast 40 Euro hat sich der Aktienkurs unter Ebeling vervierzigfacht. Die Marktkapitalisierung liegt bei rund 8,5 Milliarden Euro. Seit dem Rückzug der Finanzinvestoren Permira und KKR ist der free float attraktiv. Mehr als 63 Prozent der 219 Millionen Aktien befinden sich im Streubesitz. Das schafft ein entsprechendes Handelsvolumen an der Börse. Pro Sieben Sat 1 hat mit dieser Karriere gute Chance in den Dax zu kommen. Am 4. März fällt die Entscheidung. An diesem Tag tagt in Frankfurt der Arbeitskreis Aktienindizes.

Deutschland größter Fernsehkonzern würde voraussichtlich den Kölner Spezialchemie-Konzern Lanxess aus dem Index kegeln. Damit verlöre Köln, immerhin Deutschland viertgrößte Stadt, seinen einzigen Dax-Konzern. Bei Lanxess ist der Vorstand über den Abstieg nicht einmal unglücklich. CEO Matthias Zachert bekennt selbstkritisch im Handelsblatt, dass das Unternehmen in dem einen oder anderen Bereich „die Bodenhaftung verloren“ habe.

Für Pro Sieben Sat 1 wäre der Dax-Einzug ein Ritterschlag. Der intern bisweilen ruppige Vorstandschef Ebeling hat es geschafft, die Sendergruppe entgegen vieler Widerstände kostengünstiger und effektiver aufzustellen. Sat 1 hat er trotz Demos in Berlin von der Hauptstadt nach Unterföhring verlegt, den wenig rentablen Nachrichtensender N24 verkauft und neue Sender wie den Frauensender Sixx aus der Taufe gehoben.

Hinzu kommt der konsequente Ausbau des digitalen Geschäfts im Internet und auf Mobiltelefonen. Seine clevere Idee, sich an Start-ups zu beteiligen, in dem den jungen Unternehmen im Gegenzug Werbeleistung gegeben wird, war ein Novum für die Branche. Mit dem Aufbau von TV-Produktionsunternehmen in Europa und den USA hat er zudem die Wertschöpfung für die Senderkette verlängert. Die Summe der vielen richtigen Entscheidungen würde mit dem Aufstieg in den Dax belohnt.

Die Aktionäre dürfen sich freuen. Denn mit diesem Schritt in die Königsklasse an der Börse steigt die internationale Aufmerksamkeit für das Fernseh- und Internetunternehmen. Die Aufnahme der Aktie in wichtige Fonds ist quasi ein Automatismus. Aber auch die Medienindustrie hätte dann Grund zu Freude. Denn zum ersten Mal würde ein Konzern aus dieser Branche im Index-Olymp vertreten sein.

Die Hoffnungen, dass Bertelsmann einmal den Sprung auf das Börsenparkett und damit womöglich in den Dax wagen würde, haben sich auf lange Zeit zerschlagen. Denn die Gütersloher Eignerfamilie Mohn scheut die Börse wie der Teufel das Weihwasser. Sie will Deutschlands größten Medienkonzern wie ihre ostwestfälischer Nachbar, der Fleischkonzern Tönnies, führen – nach Gutsherrenart.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

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Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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