Der Medienkommissar
Der große E-Book-Flop

Verleger und Buchhändler zeigten sich bei der Leipziger Buchmesse gut gelaunt. Denn die Buch-Revolution fällt aus. Der prognostizierte Siegeszug des E-Books findet nicht statt. Dafür gibt es gute Gründe.
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Bei der eben zu Ende gegangenen Leipziger Buchmesse gab es bei Verlegern und Buchhändler nur glückliche Gesichter. Denn die digitale Revolution fällt vorerst aus. Zuletzt hatte der klassische Buchhandel gegen die Online-Konkurrenz von Amazon & Co. sogar Boden gut gemacht. Fast genau die Hälfte aller Bücher werden dort nach wie vor verkauft.

Für das neue Selbstbewusstsein in der Buchbranche gibt es noch einen wichtigeren Grund. Die Prognosen von Internetgurus und Unternehmensberatern hinsichtlich des bevorstehenden Siegeszug des E-Books haben sich als falsch erwiesen. Der Umsatz mit elektronischen Büchern ist auch zwei Dekaden nach dem Durchbruch des Internets überschaubar. Und vor allem: Der E-Book-Umsatz wächst viel langsamer als erwartet. Gerade mal 4,3 Prozent aller Erlöse werden laut Börsenverein des deutschen Buchhandels mit E-Books in Deutschland gemacht. Im Jahr zuvor waren es 3,9 Prozent.

Noch schlimmer: Die Wachstumsdynamik der elektronischen Bücher flaut ab. Im vergangenen Jahr betrug das Wachstum lediglich 7,6 Prozent. Im vorletzten Jahr waren es noch 60,5 Prozent. Auch die Zielgruppe der elektronischen Bücherleser wächst nur im Schneckentempo. Nur 3,9 Millionen aller deutschen Bücherleser kauften im vergangenen Jahr ein E-Book. 2013 waren es bereits 3,4 Millionen Menschen.

Das Gutenberg-Zeitalter geht nicht zu Ende, wie noch vor zehn Jahren auf jedem Medienkongress widerspruchslos zu hören war. Das gedruckte Buch lässt sich nicht von PR-Strategen totreden. Es ist vielmehr quicklebendig. Genauso wie die gesamte Buchbranche, die zuletzt einen Umsatz von knapp 9,54 Milliarden Euro erwirtschaftete. Dabei machten die Buchhandlungen das größte Plus.

Die nüchternen Zahlen des Börsenvereins sind umso verblüffender, als in der Öffentlichkeit längst der Eindruck entstanden ist, das Ende des gedruckten Buches wäre nur noch eine Frage von wenigen Jahren. Lange sind die Medien auf die weltweite PR-Walze von Unternehmen wie Amazon und Apple hereingefallen, die gebetsmühlenartig verkündeten, dass Kindle oder iPad bereits das Sterbeglöcklein für Gedrucktes zwischen zwei Buchdeckeln läuten würden. Tatsächlich wissen wir, das E-Book stagniert auf niedrigem Niveau.

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Daran wird sich auch so bald nichts ändern. Denn die Buchpreisbindung schützt Verlage und Autoren vor einem Preisdumping von Amazon und anderen. Mit dem bisherigen Preisnachlass für elektronische Bücher von lediglich zehn bis 20 Prozent sind die Lesermassen nicht zu gewinnen. Und selbst wenn – in einer computerisierten Welt verspüren immer weniger Menschen die Neigung auch in ihrer Freizeit vor einem Bildschirm zu sitzen. Mit dem iPad oder Kindle nachts im Bett oder am Strand ist offenbar eine Vorstellung, die zumindest in Europa für viele Menschen eher Albtraum als Vergnügen ist. Menschen wollen eben ein Buch und keine Datei.

Für die Verlage ist das kulturelle Beharrungsvermögen ihrer Kunden ein großer Vorteil. Denn mit dem gedruckten Buch lassen sich andere Renditen erwirtschaften als mit der elektronischen Ausgabe. Bei E-Books sind die Verleger nämlich auf die Vertriebskanäle von Amazon, Apple & Co. angewiesen. Und die amerikanischen Medienriesen lassen sich ihren Endkundenkontakt teuer bezahlen. Doch zum Glück ist ein Ende des Gutenberg-Zeitalters so wenig in Sicht wie eine bemannte Raumfahrtmission auf den Pluto.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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  • Nach den Berechnungen in unserer Studie "Gutenberg 3.0" kommen zur Zeit auf ein legal gekauftes ca. zehn von Piratenseiten heruntergeladene E-Books. Allein die deutschsprachige Piratenseite b*.to hat zur Stunde 2.646.320 Mitglieder, und das ist wahrlich nicht die einzige, die deutsche E-Books anbietet.. Der Trend zum E-Book ist m. E. auch im deutschen Sprachraum ungebrochen, er schlägt sich halt nur nicht in Umsätzen nieder.

    Einigermaßen auf der sicheren Seite dürften die Autoren und Verlage sein, die Coffeetable books, Bildbände u. ä. herstellen, weil die auf Tablets wenig Spaß machen. Für alle anderen Genres bin ich äußerst pessimistisch.

  • Leider ist Herr Siebenhaar völlig fehl informiert. Vor allem im letzten Abschnitt wird deutlich, wie wenig er sich mit diesem Thema auseinander gesetzt hat. Er schreibt "die amerikanischen Riesen lassen sich ihren Endkundenkontatk teuer bezahlen". Stimmt doch gar nicht! Amazon kassiert bei E-Books in der Regel nur 30 %. Ganze 70 % des E-Book-Preises kassieren Autor und Verlag. Und mit dem gedruckten Buch lassen sich auch keine besseren Renditen erwirtschaften, da vor allem der Grossist und der Buchhandel mitverdienen wollen, sodass dem Verlag selbst meist nicht mehr als 10 % vom Kuchen bleibt. Da fragt man sich, wo sich Herr Siebenhaar informiert hat.

  • Man sollte über den Tellerrand hinausschauen. Der Siegeszug der eBooks findet sehr wohl statt, allerdings bisher nur in den USA und in GB. In einer PwC-Prognose bis 2018 erreicht der eBook-Umsatz in den USA 54%, in GB 50% und in D 11% des gesamten Buchmarktes. Das liegt sicher nicht an der mangelhaften Affinität der Deutschen zum eBook bzw. zu eBookReadern, sondern u.a. an der Preisbindung und dem teils sehr restriktiven DRM. "Gängelei" kann Entwicklungen ausbremsen, die Musikbranche kann buchstäblich ein Lied davon singen.

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