Der Medienkommissar Gekaufte Wahrheit

Der Kodex der Dax-Unternehmen im Umgang mit den Medien reicht nicht aus. Die Konzerne müssen sich endlich dazu verpflichten, alle Presseanfragen rechtsverbindlich wahrheitsgemäß zu beantworten.
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Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Es verdient Respekt, wenn sich deutsche Großkonzerne wie Allianz, Deutsche Bank, Deutsche Telekom, Munich Re, RWE oder Volkswagen zur Wahrhaftigkeit im Umgang mit den Medien verpflichten. In dem vor kurzem von 30 Dax-Unternehmen verabschiedeten „Kodex für die Medienarbeit von Unternehmen“ wird eindringlich auf die verdeckte Einflussnahme von Unternehmen auf die Redaktionen gewarnt. Es werden die „Grundsätze der Wahrhaftigkeit, der Unabhängigkeit und der Trennung von Redaktion und Werbung“ zu Recht beschworen.

In der Vergangenheit war das Verhältnis zwischen Unternehmen und Medien alles andere als glänzend, wenn nicht zu sagen teilweise sehr schwierig. Fast schon vergessen ist die Spitzel-Affäre der Deutschen Telekom, die 2008 die Republik erschütterte. Mehr als zwei Jahre haben die Staatsanwälte ermittelt. Damals kam heraus, dass der Bonner Konzern in den Jahren 2005 und 2006 Telefonate von Aufsichtsräten, Journalisten und Gewerkschaftern ausspioniert hat. Die Staatsanwaltschaft ließ Bürogebäude und Privatwohnungen durchsuchen und etliche Lastwagenladungen Unterlagen beschlagnahmen.

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Ein anderer Fall für den seltsamen Umgang mit der Wahrheit ist der Fall Ergo, Tochter des Rückversicherungskonzerns Munich Re. Das Handelsblatt deckte eine Sex-Party in der Budapester Gellert Therme für die Ergo-Versicherungsmanager im Jahr 2006 auf. 20 Prostituierte wurden damals von dem Düsseldorfer Konzern für die „Party total“, eingeladen, mit farbigen Armbändern gekennzeichnet, und nach jedem Liebesdienst am Unterarm abgestempelt. In der Mitarbeiterzeitung „HMI Profil“ wird die Reise überschwänglich gefeiert: „Aus welchem Blickwinkel auch immer man diese Mega-Fete betrachtet: ein Mordsspaß war es auf alle Fälle. Jedenfalls haben wir bis zu diesem Zeitpunkt noch niemanden gefunden, der dabei war und nicht sofort wieder loslegen möchte.“ Als das Handelsblatt 2011 darüber erstmals berichtete, war die Aufregung groß. Das Unternehmen mauerte, wiegelte ab und schwieg über Details.

Als dann das Handelsblatt auch noch berichtete, Ergo habe Tausenden von Kunden mit fehlerhaften Riester-Verträgen einen Millionenschaden zugefügt, war die Panik der Kommunikatoren so groß, dass am 9. Juni 2011 Ergo kurzerhand den neuen Handelsblatt-Bericht dementierte. „Ein systematischer Fehler hätte sicherlich zu massiven Kundenbeschwerden im Anschluss an die Aushändigung der Policen geführt. Diese sind aber nicht erfolgt“, teilte damals der Ergo-Sprecher mit. Am Nachmittag des 9. Juni 2011 war Ergo dann für die Wahrheit bereit: Die Munich Re-Tochter nahm das Dementi zurück, löschte die morgendliche Presseerklärung aus dem Netz und gab letztendlich zu, dass es bei den Riester-Verträgen einen massiven Fehler gegeben habe. Ergo sträubte sich weiter gegen eine echte Transparenz. Der Konzern versuchte beispielsweise mit juristischen Mitteln die Veröffentlichung des Revisionsbericht zu Budapest zu verhindern. Die Ergo-Anwälte argumentierten, die Bereitstellung des Berichts zum Download im Internet verletze die Urheberrechte der Verfasser.

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