Medienkonzern Dogan
Ankara bringt „Hürriyet“ in Existenznot

Dem türkischen Medienkonzern Dogan droht eine milliardenschwere Strafzahlung. Das regierungskritische Medienhaus, zu dem auch die Zeitung "Hürriyet" gehört, soll seine Aktientransaktionen nicht ordnungsgemäß versteuert haben. Konzernchef Dogan wittert einen Rachefeldzug des Ministerpräsidenten Erdogan.

ISTANBUL/DÜSSELDORF. Die Fehde zwischen der türkischen Regierung und dem größten Medienkonzern des Landes, Dogan Yayin Holding (DYH), eskaliert. Die Mediengruppe, an der die Axel Springer AG („Bild“, „Welt“) eine strategische Beteiligung von zehn Prozent hält, soll eine Steuerstrafe in Höhe von 3,75 Mrd. Lira (1,76 Mrd. Euro) zahlen. Das bestätigte DYH am Dienstag in einer Pflichtmitteilung an die Istanbuler Börse.

Nach Darstellung der Finanzbehörden soll der Medienkonzern in den Jahren 2005 bis 2007 Aktientransaktionen zwischen einzelnen Firmen der Gruppe nicht ordnungsgemäß versteuert haben. DHY teilte dagegen mit, man habe sich an die steuerlichen Vorschriften gehalten und werde Einspruch einlegen. Die Aktien von DHY und des Mutterkonzerns Dogan Sirketler Grubu Holding brachen am Dienstag zeitweilig mehr als 20 Prozent ein.

Springer ließ sich von der Forderung der türkischen Finanzbehörden zunächst nicht beeindrucken. „Wir sind gelassen, weil wir unsere Beteiligung nicht gefährdet sehen“, sagte eine Konzernsprecherin in Berlin. Europas größter Zeitungskonzern sieht keinen Abschreibungsbedarf. Rückstellungen würden nicht gebildet. „Diese Forderung ist unhaltbar, die Höhe ist absurd“, hieß es bei Springer.

Bleibt es bei der Strafe, könnte die Existenz von DHY in Gefahr geraten: Die vom Finanzamt geforderte Summe liegt bei mehr als dem Dreifachen des aktuellen Börsenwerts. Für das erste Halbjahr meldete der Konzern einen Nettoverlust von umgerechnet 60 Mio. Euro. Bereits 2008 wies DYH 163 Mio. Euro Verlust aus.

Der 73-jährige Konzernchef Aydin Dogan, der mit der Dogan Sirketler Grubu Holding die drittgrößte türkische Unternehmensgruppe kontrolliert, liegt seit Monaten in einem Clinch mit dem islamisch-konservativen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan. In Dogan-Medien, darunter die Blätter „Hürriyet“ und „Milliyet“ sowie die Fernsehsender Kanal D und CNN Türk, muss sich Erdogan häufig als „Sultan“ verspotten lassen. Dogan-Medien berichten auch immer wieder über angebliche Korruptionsaffären im Umfeld der Regierungspartei AKP. Der Premier wirft Dogan vor, er betreibe eine „Schlammschlacht“ gegen die Regierung und rief öffentlich zu einem Boykott der Dogan-Zeitungen auf.

Bereits im Februar hatte der Fiskus gegen DYH eine Steuerstrafe von umgerechnet knapp 390 Mio. Euro verhängt. Dabei ging es um angebliche Unregelmäßigkeiten beim Verkauf eines 25-prozentigen Anteils der Fernsehsparte von DYH an die Axel Springer AG. Einen Teil der Aktien verkaufte Springer 2008 an Dogan zurück und erwarb im Gegenzug die zehnprozentige Beteiligung an DHY. Konzernchef Aydin Dogan sagte vor einigen Monaten, Regierungschef Erdogan wolle den Medienkonzern zerstören, „weil wir ihm nicht gefügig sind“. Größter Konkurrent der Dogan-Mediengruppe ist die Calik Holding. Sie wird von einem Schwiegersohn des Premiers geführt.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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