Medienkonzerne
Bei Springer hängt der Haussegen schief

Im Hause Axel Springer („Bild“, „Welt“) hängt der Haussegen schief: Für konzernweiten Ärger sorgt Alan Posener, seit 2004 Kommentarchef der „Welt am Sonntag“, mit einem deftigen Angriff in seinem Weblog auf „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann. Die offene Kritik war den Springer-Oberen zu viel des Guten.

BERLIN. In seinem Weblog auf der Internetseite Welt.de schrieb der Kolumnist: „Die 68-er zwingen ihn (gemeint Diekmann) noch heute, täglich auf der Seite 1 eine Wichsvorlage abzudrucken, und überhaupt auf fast allen Seiten die niedrigsten Instinkte der Bild-Leser zu bedienen, gleichzeitig aber scheinheilig auf der Papst-Welle mitzuschwimmen.“ Der um kernige Formulierungen nicht verlegene Kommentator legte nach: „Man kann nicht die Bildzeitung machen und gleichzeitig in die Pose des alttestamentarischen Propheten schlüpfen, der die Sünden von Sodom und Gomorrha geißelt“.

Die Konzernführung reagierte auf die schwere Vorwürfe prompt und ließ den Meinungsbeitrag im Weblog der „Welt“ bereits nach wenigen Stunden entfernen. Anlass der scharfen Kritik ist die Ankündigung von „Bild“-Chefs ein neues Buches mit dem Titel „Der große Selbstbetrug“.

Springer-Chef Mathias Döpfner missbilligt die Äußerungen Posener im Internet. Eine Springer-Sprecherin sagte am Mittwoch: „Es ist die Entgleisung eines einzelnen Mitarbeiters. Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden. Der Beitrag ist eine höchst unkollegiale Geste und entspricht nicht den Werten unserer Unternehmenskultur“. Springer sprach von „Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen“. Von disziplinarischen Maßnahmen gegenüber Posener wurde jedoch bisher abgesehen.

Im Konzern sorgte Poseners Angriff auch deshalb für großen Ärger, weil die „Welt“ im Gegensatz zur hoch profitablen „Bild“-Gruppe seit vielen Jahren Verluste schreibt. „Die Bild füttert die Welt durch, dann ist es doch klar, dass man allergisch auf so etwas reagiert“, hieß es in den eigenen Reihen. Posener wollte am Mittwoch nicht Stellung nehmen.

Der aggressive Seitenhieb auf Diekmann kommt für Springer in einer denkbar schlechten Situation. Wegen des geplanten Umzugs von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ liegen bei vielen Mitarbeitern die Nerven blank. Auch Döpfner bekam den Unmut zu spüren. Er wurde am vergangenen Dienstag von vielen hundert Mitarbeitern in Hamburg ausgebuht.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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