Medienmacher
Von digitalen Plänen, Serienflops und Gremienärger

In nicht einmal drei Wochen ist 2015 Geschichte. Das neue Medienjahr wirft seine Schatten voraus. Deshalb gibt es an dieser Stelle heute keine exklusiven News, sondern einen Ausblick auf 2016.

HamburgAuch im kommenden Jahr, so viel steht fest, werden Zeitungs- und Zeitschriftenverlage sich auf die Suche nach einer Antwort auf die digitale Revolution begeben. Ein interessantes Projekt ist in diesem Zusammenhang die digitale Abendzeitung, die der „Spiegel“ im ersten Halbjahr 2016 starten will. Bemerkenswert ist dieses Vorhaben deshalb, weil hier ein digitales Bezahlprodukt entwickelt wird, das kein gedrucktes Vorbild hat. Vergleichbares gibt es in Deutschland bisher kaum. Und vielleicht liegt der noch recht überschaubare Erfolg digitaler Bezahl-Inhalte in Deutschland auch daran, dass sie keine originär digitalen Produkte, sondern in der Regel Ableger gedruckter Blätter sind und folglich eine gewisse Print-Aura verströmen.

Sehr weit in puncto Digitalität ist das Berliner Medienhaus Axel Springer. Das liegt weniger daran, dass es mit den digitalen Bezahlangeboten seiner Marken „Bild“ und „Welt“ Vorreiter der Branche ist. Die Zahl von zusammen 362.000 Digitalabos wäre noch beeindruckender, würde Springer auch Umsatzzahlen veröffentlichen, um Zweifel an der Monetarisierung seiner Bezahlinhalte zu zerstreuen. Dennoch gehen die Berliner bei der Digitalisierung voran, weil es ihnen gelungen ist, das schrumpfende Anzeigen- und Rubrikengeschäft ihrer Titel, durch hochprofitable digitale Vermarktungsangebote und Rubrikenportale zu ersetzen. Zudem zeitigen ihre Investitionen in den großen amerikanischen Digital-Markt erste Ergebnisse. Allein in diesem Jahr stieg Springer bei sechs US-Unternehmen ein und übernahm zudem das digitale Lifestyle Angebot Livingly Media sowie das Wirtschaftsportal „Business Insider“.

Es ist zu erwarten, dass das Medienhaus auch 2016 an dieser Strategie festhält. Allerdings dürfte sich das Investitionstempo in den USA etwas verlangsamen. Allein für 88 Prozent von „Business Insider“ bezahlte Springer im September stolze 306 Millionen, obwohl das Portal bisher noch keinen Cent verdient hat. Wahrscheinlich wird die Truppe um Unternehmenschef Mathias Döpfner 2016 vorrangig damit beschäftigt sein, die Neu-Akquisition auf Profitabilität zu trimmen. Ein Ausbau des noch in den Kinderschuhen steckenden Bezahlangebots von „Business Insider“ liegt nahe. Eine weitere digitale Großbaustelle ist die Nachrichten-App Upday, die Springer für Geräte des koreanischen Hightech-Konzerns Samsung entwickelt hat. Noch ist die App in der Betaphase. 2016 wird sie ihre Markttauglichkeit unter Beweis stellen müssen. Auch das wird Kräfte binden.

Dennoch ist nicht völlig auszuschließen, dass Springer im kommenden Jahr Großinvestitionen stemmt. Im Frühjahr steht die Umwandlung des Medienhauses in eine Kapitalgesellschaft auf Aktien (KGaA) an. Sinn und Zweck der Operation ist es, sicherzustellen, dass Hauptgesellschafterin Friede Springer auch dann noch das Sagen hat, wenn ihr Anteil an dem Unternehmen verwässert werden sollte. So könnten Springer-Aktien künftig viel einfacher als bisher als Akquisitionswährung eingesetzt werden. Weil die Witwe des Unternehmensgründers die Kontrolle über das Haus nicht aus den Händen geben will, wäre in der bisherigen Konstellation eine Fusion mit dem TV-Konzern Pro Sieben Sat 1, über die 2015 spekuliert wurde, nicht machbar gewesen. Sobald Springer eine KGaA ist, werden die Karten jedoch neu gemischt. Pro-Sieben-Sat-1-Aktionäre könnte dann eine Verschmelzung beider Unternehmen mit üppigen Springer-Aktienpaketen schmackhaft gemacht werden, wobei Friede Springer die Kontrolle des aus dem Zusammengehen entstehenden Medienkonzerns behielte. Zwar haben sich die Fusionspläne inzwischen angeblich erledigt. Aber wer weiß das schon so genau?

Womit wir umstandslos beim TV wären. Dass das klassische, lineare Fernsehen im Zuge der Digitalisierung früher oder später dieselben Probleme bekommen wird, die Zeitungen und Zeitschriften bereits haben, ist eine Binsenweisheit. Dennoch entwickelte sich der TV-Werbemarkt 2015 prächtig - trotz der Offensive von Online-Videoportalen wie Netflix und Amazon Instant Video. Dennoch bereitet sich Pro Sieben Sat 1 auf schwierigere Zeiten vor und investiert massiv in Online-Portale die mit Fernsehen rein gar nichts zu tun haben – vom Flugreiseportal Etraveli über den Erotikbedarfshändler Amorelie bis zum Preisvergleichsportal Verivox.

2016 wird sich an dieser Strategie wohl nichts ändern, wobei die wahren Herausforderungen der Senderfamilie im Programm liegen. Die Pro-Sieben-Allzweckwaffe Stefan Raab zieht sich im kommenden Jahr zurück. Ob Joko und Klaas, die neuen Shootingstars des Senders ihn, wie geplant, ersetzen können, weiß heute niemand zu sagen.

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