Murdoch-Affäre
Claus Larass verteidigt den Boulevard-Journalismus

Nicht nur Rupert Murdoch steht in der Kritik - auch der Boulevard-Journalismus insgesamt. Claus Larass, ehemaliger Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, verteidigt das Genre, kritisiert aber den Verlust aller Grenzen.

Kommt die Moral ins Spiel, spitzen bestimmte Leute besonders die Ohren. Sie wähnen wieder einmal, die Zeit sei aus den Fugen geraten. Wer in diesen Tagen nach London hört und den Skandal um das Medienimperium des Rupert Murdoch verfolgt, muss die Ohren nicht spitzen. Es dröhnt gewaltig. So muss es klingen, wenn in den Bergen eine riesige Lawine zu Tal geht und alles mit sich reißt, was im Wege ist.

Die vorläufige Bilanz: Zehn Angestellte von Murdoch leben mit einem Haftbefehl, ein weiterer lag tot in seiner Wohnung, der konservative Premier steht blamiert in der Öffentlichkeit, und die in England fast heilige Institution Scotland Yard steckt in einer tiefen Krise. Ihre beiden Spitzenbeamten gaben ihren Rücktritt bekannt. Die Ritter gegen das Verbrechen entpuppten sich als klägliche Spesen-Schnorrer von Murdochs Gnaden.

Was ist der Kern der Vorwürfe? Die enge Verzahnung eines Medienmoguls mit der Politik. Das aber war immer bekannt. Tony Blair flog nach Australien, um sich von Murdoch den Segen für seinen Wahlkampf zu holen. Sein Nachfolger Gordon Brown bemühte sich ebenfalls verzweifelt um die Gunst Murdochs. Jetzt klagte er unter Tränen, Murdoch-Journalisten hätten sich heimlich die Krankenakte seines Kindes besorgt und sein Konto ausgespäht.

Der amtierende konservative Premier machte einen Murdoch-Journalisten zum Pressesprecher, feierte mit einer Managerin Weihnachten und speiste zwölf Mal mit Murdoch-Leuten auf seinem Amtssitz. So viel Ehre erfuhr sonst niemand.

Jeder weiß, dass eine strikte Trennung von Politik und Medien zur Substanz einer Demokratie gehört. Jeder Beteiligte weiß auch, dass diese Trennung oft schwierig ist. Kein Medium ist davor restlos gefeit. Man erhält Exklusives und schont den entsprechenden Politiker. Aber zumindest in Deutschland gerät diese Balance selten so aus den Fugen, wie wir es jetzt in England sehen.

Auch eine falsche Vorstellung von Macht und Einfluss spielt eine Rolle. Deutsche Spitzenpolitiker gewannen locker Wahlen gegen bestimmte Medien. Adenauer oder Kohl führten Wahlkämpfe offensiv gegen die "Hamburger Magazine", Brandt gegen den vermeintlichen "Feind" Springer. Politische Kampagnen von Medien sind selten erfolgreich. Sie beschädigen das Ansehen der Zeitung und werden nicht selten mit Auflagenverlusten bestraft. Man darf den Leser nie unterschätzen.

Murdoch gilt als ein leidenschaftlicher Zeitungsmann. Er besitzt weltweit rund 300 und bewahrte durch seinen Instinkt so manche vor dem Tod. Zeitungen sind für ihn Objekte der Unterhaltung, sie dürfen nie langweilig sein, und so öffnete er die Schleusen. Seine Boulevard-Blätter in London oder New York waren immer brutaler, schamloser und schmieriger als die Konkurrenz.

Entsprechende Blätter in Deutschland, Frankreich oder Spanien wirken dagegen wie Organe der Heilsarmee. Vor allem England hat aus guter Tradition sehr liberale Mediengesetze. Sie verführten ihn zu immer schrilleren Artikeln und Schlagzeilen. Gibt es eine Mitschuld des Lesers? Nein, verantwortlich bleibt der Verursacher.

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