Murdoch und das „Wall Street Journal“
Geheimnisträger im 11. Stock

Heute übernimmt Rupert Murdoch offiziell die Kontrolle beim "Wall Street Journal“. Noch immer rätselt die Redaktion, was der Medientycoon mit dem Renommierblatt vorhat.

NEW YORK. Gemütlich schieben die beiden Mitarbeiter der IT-Abteilung den Bürowagen den Gang hinunter. Oben drauf steht ein nagelneuer Computer samt Bildschirm. "Der ist für Rupert“, witzelt einer der beiden und grinst verschmitzt. Dann zotteln sie weiter in ihrer grauen Arbeitsuniform, hinauf in die oberen Etagen des Dow-Jones-Gebäudes in Manhattan. Dort oben im 11. Stock hat sich Rupert Murdoch eingerichtet, um seine neue Trophäe aus der Nähe zu begutachten: die berühmteste Wirtschaftszeitung der Welt – das "Wall Street Journal“.

Eigentlich übernimmt der 76-jährige Chef der News Corporation erst heute offiziell die Macht beim Wirtschaftsverlag Dow Jones, der die Zeitung verlegt. Denn heute stimmen die Mitglieder der Eigentümerfamilie Bancroft als Aktionäre über seine Fünf-Milliarden-Dollar-Offerte ab.

Doch längst ist Murdoch im südlichen Turm des World Financial Centers – direkt gegenüber von Ground Zero – allgegenwärtig. Im Foyer haben die Sicherheitsleute ihren Fernseher bereits auf die neuen Machtverhältnisse eingestellt. Statt des Wirtschaftssenders CNBC flimmert dort nun Murdochs "Fox News“ über den Bildschirm. Neun Stockwerke höher das gleiche Bild: Die PR-Leute des "Wall Street Journals“ (WSJ), die früher die Auftritte ihrer Star-Reporter beim Dow-Jones-Partner CNBC verfolgten, lassen sich vom Infotainment des eben erst gestarteten "Fox Business Network“ berieseln.

In einer der renommiertesten Redaktionen der Welt scheint die "Murdochisierung“ in vollem Gange. Geht es so weiter, fürchten viele Redakteure schweren Schaden für das "WSJ“. Das Blatt verharrt in angespannter Erwartung dessen, was da im 11. Stock noch ausbaldowert werden könnte.

"Wir wissen einfach nicht, was uns erwartet“, sagt ein Mitarbeiter. Wie die meisten anderen möchte er seinen Namen nicht in der Zeitung sehen – man weiß ja nie, wie Rupert reagiert. So sind die besten Wirtschaftsreporter Amerikas mit einer kniffligen Recherche im eigenen Haus beschäftigt: Wohin will Rupert Murdoch das "WSJ“ führen?

Noch haben sie keine Antwort gefunden, keinen "Scoop“ gelandet. Zum ersten Mal überhaupt müssen sich die Reporter des "WSJ“ über ihre Eigentümer Gedanken machen. Unter dem Schutz der Bancroft-Familie konnten Verlag und Redaktion jahrzehntelang schalten und walten, wie sie wollten. Diese Nichteinmischung war Ausdruck hehrer Verlegerprinzipien, aber auch ein großes Stück Nachlässigkeit.

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