Musikbranche
Melodien für Millionen

Das Internet hat die Plattenfirmen in ihre tiefste Krise gestürzt. Aus der sie jetzt wieder aufersteht. Die Musikbranche erlebt ein Comeback und macht beste Geschäfte. Anlocken, verführen, abkassieren – mit welchen neuen Tricks Madonna und ihre Kollegen Millionen Menschen zu kaufwilligen Kunden machen.
  • 0

DÜSSELDORF. Die Haare sind ein wenig schütter, und die Lederhosen von 1969 würden wohl auch etwas spannen. Doch für seine Fans ist Robert Plant immer noch der beste Rocksänger der Welt. Darum pilgerten sie vor wenigen Tagen zu Zehntausenden in die Londoner O2 Arena, um seiner Band zu huldigen: Led Zeppelin.

In ihrem Leben hatten Plant, Gitarrist Jimmy Page und Bassist John Paul Jones schon viele Rollen. Ende der Sechziger waren sie Revolutionäre. Der verspielten Rockmusik gaben sie mithilfe von Blues-Elementen wieder Bodenhaftung und möbelten sie mit dem Tonstudio als vollwertigem Instrument zu bedrohlich-ekstatischen Klangkulissen auf. Später avancierten sie zu Rockgöttern, die mit Tournee-Exzessen um zertrümmerte Hotelzimmer, Orgien mit Horden williger Groupies den Superstar zum Traumberuf einer ganzen Generation machten. Drogenmissbrauch und Satanismusverdacht machten sie zu Bürgerschrecks erster Ordnung.

Jetzt, knapp 27 Jahre nachdem sich Led Zeppelin auflöste, weil ihr Schlagzeuger John Bonham im Vollrausch erstickte, stehen die Altrocker vor ihrer dramatischsten Rolle: als Wiedererwecker der Musikindustrie, die durch Internet-Downloads und illegale Kopien in die tiefste Krise ihrer Geschichte stürzte. Wie ein Prototyp der neuen Musikwelt zeigt Led Zeppelin, mit welchen neuen Tricks sich Millionen Fans zu zahlungswilligen Kunden formen lassen. Denn die Band sahnt in allen Teilen der Wertschöpfungskette ab. Ihre Wiedervereinigung lockte mutmaßlich rund eine Milliarde Menschen auf die Internet-Seite des Konzertveranstalters. Eine Million Fans steigerten um die 20 000 Tickets mit – zu Preisen ab 175 Euro. Seit Oktober stürmt „Mothership“, die dritte Kopplung ihrer besten Stücke, die Hitparaden. Hits wie „Whole Lotta Love“ stehen in Internet-Musikläden wie iTunes und bei den Klingelton-Portalen ganz oben. Fanartikel vom T-Shirt über den Babystrampler bis zur Christbaumkugel sorgen bei Online-Läden wie Bravado für Verkaufsrekorde.

Allein in diesem Jahr wird die Marke Led Zeppelin nach Schätzungen bis zu 50 Millionen Euro einspielen: Da fließen Minibeträge wie die rund fünf Cent, wenn sich irgendwo ein Hotelpianist „Stairway To Heaven“ vornimmt. Oder die drei Euro, die beim Kauf eines Albums an Led Zeppelin gehen. Zehn Euro Lizenzgebühr gibt’s für eine Baseballkappe mit den Runenzeichen. Geht die Band im nächsten Jahr auf Tournee, dürfte der Umsatz auf mindestens eine halbe Milliarde Euro anschwellen.

Superstars auf allen Kanälen, und jedes Mal klingelt die Kasse – die Musikbranche setzt zu einem Comeback an. Noch ist Musik „praktisch der einzige Wirtschaftszweig, der per Saldo schrumpft“, sagt Frank Mackenroth, Branchenexperte der Wirtschaftsberatung PricewaterhouseCoopers (PWC). „Raubkopien gehören so sehr zum Alltag, dass uns die Fans nach dem Konzert um Autogramme darauf bitten“, sagt Thees Uhlmann, Sänger der Hamburger Band Tomte. Doch nach Jahren des Niedergangs herrscht Aufbruchstimmung. Verlage und Konzertveranstalter boomen. Bei den kleineren Plattenfirmen gab es noch nie so viele Neugründungen. Und selbst unter den großen Musikkonzernen von Universal bis Warner Music macht sich neue Hoffnung breit. „Wir beenden das beste Jahr seit bestimmt sieben Jahren“, sagt Edgar Berger, Deutschland-Chef von Sony-BMG.

Der Siegeszug des Internets hat in keiner anderen Branche so verheerend eingeschlagen. Seit Ende der Neunzigerjahre brachen die CD-Umsätze um 40 Prozent ein. Einstige Gelddruckmaschinen wie Sony, Bertelsmann Music Group und Universal suchten ihr Heil in Fusionen, bei Warner und EMI führen Heuschrecken das Regiment. Tausende Jobs gingen verloren.

Kommentare zu " Musikbranche: Melodien für Millionen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%