Musikbranche
Sehnsucht nach der heilen Welt

Lange hat die Musikindustrie klassische Musik nur durchgeschleppt. Jetzt ist sie eine der wenigen Sparten, mit denen sich dank neuer Technik noch richtig Geld verdienen lässt.

BADEN-BADEN. Es ist kalt vor dem Festspielhaus, und einige der Damen haben die Gelegenheit genutzt, mal wieder ihren Pelz auszuführen. Sehen und gesehen werden, so geht das noch immer in Baden-Baden, der Kurstadt der Hautevolee. Warum sollte es ausgerechnet anders sein, wenn Richard Strauss' Oper "Der Rosenkavalier" gegeben wird, eine der nur drei Vorstellungen in dieser Spielzeit?

Was die vielen Hundert Zuschauer, die meisten jenseits der 50, nicht wissen: dass man sie nicht unbedingt sehen soll, sondern vor allem hören. Sie sind als Soundkulisse vorgesehen, sollen "Bravo"-Rufe und Ovationen spenden, am besten reichlich.

Aus drei wird dann eins, das ist Jan Mojtos Plan. Mojto, ein sportlicher Mann Anfang 60 mit feinen Manieren und gewinnendem Lächeln, hat die Vorbereitungen persönlich überwacht. Wie Besteck zu einem Dinner liegt ein halbes Dutzend Mikrofone am Bühnenrand. Im hinteren Teil des Parketts sind auf mannshohen Stativen Kameras aufgebaut. Im Orchestergraben werden gleich die Münchener Philharmoniker sitzen, Dirigent ist Christian Thielemann, einer der besten - nicht nur in Deutschland. Und Mojto, Film- und Fernsehproduzent aus München, will mit der Komödie aus dem frühen 20. Jahrhundert Kasse machen. Sie soll als Fernsehübertragung, als DVD und später im Bezahlfernsehen Geld einspielen, viel Geld. Ausgerechnet.

Jahrelang haben Musikmanager die Klassik für wenig zukunftsfähig gehalten. Mittelmäßige Künstler mit mittelmäßigen Einspielungen überschwemmten zudem den Markt und verdarben die Preise. Mancher Künstler, der sich längst nicht mehr crossmedial verwerten ließ, wurde als Altlast mitgeschleppt. Jetzt spendet ausgerechnet die Klassik der geschundenen Branche Trost.

Der weltweite Musikmarkt befindet sich im freien Fall. In den USA ging der CD-Verkauf im vergangenen Jahr um fast ein Fünftel zurück, und selbst das schnelle Wachstum der Internet-Downloads hat sich merklich verlangsamt. In der Klassik aber gibt es wieder eine Reihe von Weltstars wie Anna Netrebko. Und deren Live-Auftritte lassen sich prima als CDs oder DVDs verkaufen - und ans Fernsehen. DVDs mit Auftritten der Star-Sopranistin etwa gehen leicht mehr als 150000-mal über den Ladentisch. Und der technische Fortschritt erleichtert das Geldverdienen.

Die Herstellungs- und Produktionskosten sind stark gesunken. Wo in früheren Jahren noch Aufnahmeteams mit tonnenschwerem Gerät beinahe in Orchestergröße anrücken mussten, reichen heute ein oder zwei Dutzend Mitarbeiter mit vergleichsweise handlichen Kameras. Für den "Rosenkavalier" in HD-Qualität hat Jan Mojto gerade mal 15 Leute nach Baden-Baden beordert. Kosten der Produktion: bescheidene 220000 Euro. Die Klangqualität ist angeblich besser als die einer CD.

Mojto kennt das Klassikgeschäft aus dem Effeff. Seit 30 Jahren ist er als Produzent unterwegs. Zu Zeiten der legendären Dirigenten Carlos Kleiber und Herbert von Karajan arbeitete er für den Medienmogul Leo Kirch. Dessen Filmfirma Unitel hatte das größte Musikarchiv im ganzen Land. Als der Musikliebhaber Kirch mit seinem Firmenimperium eine der größten Pleiten der Nachkriegsgeschichte hinlegte, war das die Chance für Jan Mojto. Aus der von Insolvenz bedrohten Firma Unitel machte er in zwei Jahren das größte private Film- und Fernseharchiv der klassischen Musik. Heute besitzt die Unitel tausend Programmstunden an klassischer Musik. Weitere 1500 Stunden Opern und Konzerte hat Mojto dazugekauft. Monat für Monat wächst seine Rechtebibliothek. Bis 2011 nimmt er alle Beethoven-Symphonien mit den Wiener Philharmonikern auf - für Fernsehen, DVD und Internet. Es dirigiert: Christian Thielemann. Bis 2013 soll ein Bruckner-Zyklus fertig sein. Vor wenigen Wochen erst unterzeichnete Mojto mit den Münchener Philharmonikern und deren Generalmusikdirektor Thielemann die Verträge.

Gerade in unsicheren Zeiten wie diesen ist die klassische Musik eine Konstante", sagt Mojto. Gleich beginnt im Baden-Badener Festspielhaus der "Rosenkavalier".

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