Musikindustrie
Auslaufmodell Silberscheibe

Das Internet traf die Musikindustrie wie eine Abrissbirne, die sich ihren Weg durch ein marodes Holzhaus bahnt. Die Umsätze brachen weg, Entlassungen, Fusionen und Reorganisationen folgten. Doch mittlerweile hat die „Tonträgerindustrie“, wie sie sich Anfang des Jahrtausends noch nannte, einen Burgfrieden mit dem Internet geschlossen und beginnt langsam, am Netz zu verdienen.

DÜSSELDORF. Nach langem Kampf hat die Musikindustrie eingesehen, das sie das World Wide Web nicht mehr los wird. Und nicht nur das. Wenn sich am Samstag die Überlebenden des Tauschbörsenmassakers in Berlin zur Echo-Gala treffen, wird man fröhliche Gesichter sehen: Während der Rest der werbefinanzierten Unterhaltungs- und Medienindustrie gerade in eine tiefe Depression rutscht, sehen die Musiker Licht am Ende des Tunnels und beginnen langsam, am und mit dem Netz zu verdienen. Konrad von Löhneysen, Geschäftsführer des Berliner Labels Ministry of Sound Recordings (Crazy Frog, Carla Bruni) bringt es so auf den Punkt: „Ein totgesagter Satz von damals hat heute wieder absolute Gültigkeit: Content is King!“

Musik verkaufen? Das war früher mal so. Für John Kennedy, Chairman des internationalen Musikverbandes IFPI, ist der alte Deal „Silberscheibe gegen Bargeld“ ein Auslaufmodell unter vielen. Die Musikunternehmen werden in Zukunft „den Zugang zu Musik monetarisieren“, erläutert er. Das ist ein großer Unterschied zu früher und die digitale Welt, die der Musik zunächst so übel mitgespielt hatte, ist jetzt der Rettungsanker.

Die Formen und Wege, wie Menschen konsumieren, haben sich dramatisch gewandelt. Neben Radio, CD-Player, Fernsehen oder Konzertbesuch sind Web-Radio, Social Networks wie Myspace oder Facebook getreten. Musik-on-Demand-Dienste wie Web7 der Musikerlegende Peter Gabriel bieten eine Mischung aus werbefinanziertem Musik-Streaming (nur anhören) und Download (speichern). Bei all diesen Verbreitungswegen hat die Musikindustrie mittlerweile eigene Vertriebsverträge geschlossen.

Es läuft, auch wenn die Anlaufschwierigkeiten noch unübersehbar sind. Der Videokanal Youtube etwa ist zu einer der beliebtesten Plattformen für Musikvideos geworden. Acht der zehn meistgeklickten Videos 2008 waren Musikvideos. Während große Anbieter offenbar gute Verträge mit der Google-Tochter gemacht und angeblich bis zu 100 Mio. Dollar jährlich kassiert haben, stehen andere noch ganz am Anfang.

Ministry-Manager von Löhneysen erinnert sich an den Musik-Cartoon „Der Gummibär“. Dieser wurde fast 100 Mio. mal auf Youtube abgerufen, „gesehen haben wir dafür wir keinen Cent“, sagt Löhneysen. „Allerdings“, räumt er offen ein, „hat uns die Popularität auf anderem Wege genützt: Wir hätten sonst wohl niemals 100 000 Klingeltöne alleine in Australien verkauft.“ Selbst Branchenriesen wie Warner Music sind noch nicht wirklich zufrieden: Ende 2008 verlangte Warner die Löschung aller Musikvideos bei Youtube, weil man sich nicht über eine Verlängerung des Lizenzvertrags einigen konnte. „Unsere Künstler werden nicht angemessen vergütet“, so Warner.

Anders ist es bei Videospielen. Sie sind ein weiteres extrem stark wachsendes Segment. Im ersten Halbjahr 2008 wurden laut dem US-Forschungsunternehmen NPD Group gut 15 Prozent aller Videospiel-Umsätze alleine mit Musik-Games gemacht. Spiele wie Guitar Hero setzen Milliarden von Dollar um, ein zusätzliches Lied für das Spiel kostet schnell 1,99 Dollar, beim Musikshop iTunes um die Ecke wäre es für 99 Cents zu haben. Aber es lässt sich eben nicht auf der Spielekonsole abspielen. Das ist das Gute an vielen der neuen Vertriebswege: Sie sind nicht nur genau zu erfassen, sondern der Inhalt lässt sich immer wieder neue verpacken und verkaufen.

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