Musikverlag
EMI kämpft ums Überleben

Dem Musikverlag EMI steht das Wasser bis zum Hals. Nach einem Milliardenverlust warnte der britische Traditionskonzern am Donnerstag vor Zahlungsschwierigkeiten. EMI ist zum abschreckenden Beispiel dafür geworden, was bei einer Übernahme durch Privatinvestoren alles schief laufen kann.
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HB LONDON. Einst gehörte der Musikkonzern EMI mit Künstlern wie den Beatles, Depeche Mode oder Robbie Williams zu den Stars der Branche - nun kämpft das britische Unternehmen ums Überleben: Seit der Übernahme durch den Finanzinvestor Terra Firma vor zweieinhalb Jahren häufen sich die Probleme massiv. Am Donnerstagabend warnte EMI vor Zahlungsschwierigkeiten, nachdem sich der Schuldenberg immer höher auftürmte und das Unternehmen noch tiefer in die roten Zahlen gerutscht war.

Im Geschäftsjahr bis Ende März 2009 machte EMI unterm Strich einen Verlust von 1,56 Mrd. Pfund (rund 1,8 Mrd. Euro) - im Vorjahreszeitraum war es ein Minus von 412 Mio. Pfund. Schuld daran waren Abschreibungen von mehr als einer Milliarde Pfund vor allem auf den Wert des Musikkatalogs. Wenn die Investoren von Terra Firma kein neues Geld zuschießen, könnten die Gläubiger von der Citigroup schon bald das Ruder bei EMI übernehmen.

Im März steht die Überprüfung von Kreditverträgen an - und dabei wird EMI ohne frisches Geld möglicherweise durchfallen. Die Unternehmensprüfer von KPMG warnten im EMI-Geschäftsbericht davor, dass der Traditions-Musikverlag seinen Vertragsverpflichtungen nicht nachkommen könnte. Die Schulden überstiegen das Betriebsvermögen um 408 Mio. Pfund. KPMG meldete deshalb „erhebliche Zweifel“ an, ob EMI unter diesen Umständen den laufenden Betrieb fortsetzen könne.

Der Finanzinvestor hatte EMI im August 2007 zur Boom-Zeit der Private-Equity-Fonds übernommen. Damals zahlte Terra-Firma-Chef Guy Hands 2,4 Mrd. Pfund für das Plattenlabel, bei dem auch Herbert Grönemeyer und die Band Wir Sind Helden unter Vertrag stehen. Doch die teure Übernahme entpuppte sich als Fehlinvestition, da EMI schon zuvor kriselte und Verluste schrieb. Grund sind unter anderem illegale Musikdownloads und sinkende CD-Verkäufe, die der ganzen Branche zu schaffen machen.

EMI ist zudem der Mittelpunkt eines Rechtsstreits zwischen Terra Firma und der Citigroup. Terra Firma verlangt eine Entschädigung, weil die Bank den Investor beim Kauf von EMI angeblich getäuscht hatte. Demnach soll die Citigroup den Preis in die Höhe getrieben haben, indem sie nicht deutlich gemacht habe, dass ein Bieter sich zurückgezogen hatte.

Bei EMI brodelt es derweil weiter. Im Zuge eines Sparprogramms fielen bereits 2000 Stellen weg. Das Gerangel seit der Übernahme schuf auch Misstöne mit den Künstlern. Die Rolling Stones wechselten 2008 nach mehreren Jahrzehnten zum Konkurrenten Universal Music. Auch die Band Radiohead kehrte EMI den Rücken. Paul McCartney rechnete mit seiner ehemaligen Plattenfirma ab und nannte sie „langweilig“. Auch die britische Sängerin Joss Stone kämpft derzeit um einen Ausstieg aus dem Label. Der Konzern verliert somit weiter Anschluss zu Konkurrenten wie Universal Music und Warner Music.

Guy Hands soll bereits an seine Investoren herangetreten sein, um eine weitere Finanzspritze von 120 Mio. Pfund aufzutreiben. Doch dies wäre allenfalls eine kurzfristige Linderung: „Gutes Geld etwas Schlechtem hinterherzuschmeißen, ist selten die richtige Option“, schrieb die Wirtschaftszeitung „Financial Times“. Terra Firma solle seine Niederlage eingestehen und weiterziehen. Und in der Branche gilt EMI sowieso seit langem als Übernahmekandidat. Jahrelang hatte beispielsweise Warner eine Verschmelzung mit EMI im Auge.

Kommentare zu " Musikverlag: EMI kämpft ums Überleben"

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  • Es ist zu einfach, den Einstieg von Terra Firma bei Emi als alleinigen Grund für die extreme Schieflage des Labels zu machen. Die Krise der Major - Labels ist symptomatisch und vielschichtig und betrifft alle Majors. Nach den Erfolgen der 70er und 80er Jahre setzten die Labels in den 90ern vor allem auf "sich schnell drehende" Produkte für eine immer jüngere Zielgruppe, die durch bessere Technik günstiger und schneller produziert werden konnten. Mitte der 90er reichte für ein Label, eine N1 (newcomer1) Rotation auf Viva zu bekommem und man war in den Charts. Das war planbar. Weite Teile der älteren Zielgruppe wurden in dieser Zeit vor den Kopf gestossen, es gab keine neuen Produkte mehr, da deren Entwicklung angeblich zu teuer war und zu ineffektiv. Mit dem Einzug des internet Mitte der 90er, lud gerade die vorher gemolkene, junge und technikaffine Zielgruppe, im grossen Stil illegal Musik aus dem internet. Die Teens und Twens sahen es nicht mehr ein, für einen Song Geld zu bezahlen, für den sich in zwei Monaten keiner mehr interessiert. Das ist im Prinzip heute nicht viel anders. Zudem fehlen cashcows wie Madonna, Prince oder Michael Jackson im backkatalog, da ab den 90ern solche Künstler nicht mehr entwickelt wurden. Durch das internet änderte sich zudem das Konsumverhalten, Musik war nicht mehr Freizeitbeschäftigung Nr.1 sondern oft nur noch beiwerk. Statt aber die Chancen des internet zu nutzen, bekämfte die industrie die mp3 wie einst die Musikkassette um lernen zu müssen, dass dies bei einem digitalen Medium der berühmte Kampf gegen Windmühlenflügel ist. Das Geschäft machen heute die Konzertveranstalter, TV Sender, Apple und zunehmend, oh Wunder, die Künstler. Diese vermarkten sich nämlich immer öfter selbst und profitieren von den fantastischen Möglichkeiten im internet, ihre Musik zu vertreiben und ein weltweites Publikum zu erreichen.

  • emi kämpft, wie alle anderen großen labels, nicht gegen "raubkopien" sondern gegen seine kunden. schlechte musik zu überhöhten preisen, keine anpassung des geschäftmodells an neue realitäten und das verklagen der eigenen kundschaft sind nunmal keine dinge, die den kunden in die arme des labels treiben.
    die umsätze mit musik gehen steitg nach oben, insbesondere konzerteinnahmen steigen rasant. davon profitieren die künstler und die labels bekommen nichts ab. ich denke das geht klar so.
    nächstes mal bitte etwas differenzierter, liebes handelsblatt!

  • Eine Firma, die durch einen Finanzinvestor zu viel Schulden aufgehalzt bekommen hat, bekommt Probleme.

    Wer hätte gedacht, das sowas möglich ist.

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