Nach dem Skandal
IT-Dienstleister Satyam kämpft um Vertrauen

Mit umfangreichen Bilanzfälschungen hatte der indische IT-Dienstleister Satyam Anfang Januar eine ganze Branche in Verruf gebracht. Die Regierung reagierte mit einem rigiden Krisenmanagement, entließ Führungskräfte und verkaufte den Konzern. Offenbar mit Erfolg: Inzwischen ist der Skandal-Konzern wieder auf der Suche nach neuen Kunden.

MÜNCHEN. Es ist noch nicht lange her, da war der Name Satyam nur Insidern der IT-Branche bekannt. Anfang Januar hat sich das schlagartig geändert: Der IT-Dienstleister kam weltweit in den Schlagzeilen, weil sein Gründer Ramalinga Raju die Bilanzen um mehr als eine Mrd. Dollar geschönt hatte. Zeitweise drohte der Skandal die gesamte indische IT-Branche zu beschädigen. Doch die Regierung in Neu-Delhi handelte schnell, setzte ein neues Management ein und verkaufte den Konzern. Nur fünf Monate, nachdem die Affäre bekannt geworden ist, geht Satyam jetzt wieder offensiv auf Kundenfang. „Mit unserem neuen Eigentümer im Rücken sehen wir große Chancen, weitere Aufträge zu bekommen“, sagte Satyam-Europachef Peter Heij im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Satyam mit seinen 48 000 Beschäftigten gehört jetzt mehrheitlich dem indischen IT-Dienstleister Tech Mahindra. Das Gemeinschaftsunternehmen von BT und dem Nutzfahrzeughersteller Mahindra & Mahindra bietet vor allem Telekommunikationskonzernen IT-Service an. Satyam hingegen ist mit seinen Dienstleistungen stark in der verarbeitenden Industrie vertreten. „Unsere Kunden überschneiden sich kaum, deshalb haben wir zusammen ein großes Potenzial“, unterstrich Heij.

In einem weltweit ausgeschriebenen Bieterverfahren für die Satyam-Anteile hat Tech Mahindra Indiens größten Bau- und Maschinenbaukonzern Larsen & Toubro sowie den US-Milliardär Wilbur Ross Mitte April aus dem Rennen geworfen. Tech Mahindra zahlte für 51 Prozent der Anteile 579 Mio. Dollar. Die Übernahme hat den Konzern in die Topliga der indischen IT-Dienstleister wie Infosys und Wipro katapultiert.

Trotz des Skandals habe Satyam in Europa fast keine Kunden verloren, behauptet Heij. Die Inder betreuen mit rund 1 300 Mitarbeitern in Europa Firmen wie Nestlé, Unilever oder Airbus. Die Fachleute beraten ihre Kunden in IT-Fragen, darüber hinaus entwickeln und warten sie Software. Die meisten Arbeiten werden in Indien erledigt, wo die Arbeitskosten deutlich unter denen in Europa oder Amerika liegen.

Dennoch ging die Affäre nicht spurlos an Satyam vorüber. So sei der Konzern bislang bei einigen Kunden der einzige Lieferant zahlreicher Dienstleistungen gewesen. Im Zuge der Bilanzaffäre hätten sich die Unternehmen nun einen zweiten oder dritten Anbieter gesucht, bedauert Heij. Analysten vermuten deshalb, dass Satyam Umsatz verloren hat. Der Konzern selbst hat schon seit Bekanntwerden des Bilanzskandals keine Zahlen mehr veröffentlicht. Der letzte Quartalsumsatz lag bei umgerechnet rund 300 Mio. Euro

Nach Ansicht von Michael Römer vom Beratungsunternehmen A.T. Kearney hat der Betrug bei Satyam der indischen IT-Branche nicht geschadet. Die Anbieter hätten aber generell ein Problem, weil ihr Kostenvorteil immer geringer werde. Durch die niedrigen Löhne in ihrem Heimatland konnten Firmen wie Satyam, TCS oder Infosys bislang deutlich billiger anbieten als westliche Wettbewerber. Nun haben aber auch Konzerne wie IBM oder HP große Standorte in Indien aufgebaut und können deshalb preislich mithalten. „Den indischen Anbietern fällt es schwer, sich zu differenzieren“, sagt Römer. Immerhin gebe es in Deutschland etwa 6 000 IT-Dienstleister.

Satyams Europachef Heij ist sich des Problems bewusst. Er will deshalb künftig noch stärker als bisher das Know-how des Konzerns im SAP-Umfeld herausstellen. Heij: „Irgendwann geht unser Kostenvorteil verloren, wir müssen deshalb die Unterschiede zu unseren Wettbewerbern in Nischen zeigen.“

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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