Nach dem Streik
Im Schattenreich der Telekom

Angestaute Arbeit, Zoff unter den Mitarbeitern, verärgerte Kundschaft: Das Aufräumen nach dem Streik wird zum Härtetest für die Deutsche Telekom. Schon jetzt zeigen sich wie unter einem Brennglas die Schwachstellen der Organisation. Eine Handelsblatt-Reportage.

DÜSSELDORF. Listen. Lange Listen mit endlosen Reihen von Passwörtern und Telefonnummern. Karl Lammers*, Techniker bei der Deutschen Telekom, hat sie immer dabei. Die Passwörter braucht er, um in die Datenbanken von Europas größtem Telekomkonzern zu kommen – ein hoch komplexes System mit zahlreichen nebeneinander betriebenen Einzellösungen, die alle einer anderen Logik gehorchen. Seine Telefonliste nimmt er zur Hand, wenn er wissen will, wer gerade wofür zuständig ist. „Das kann sich nach 18 Umorganisationen in gut zehn Jahren niemand mehr merken“, stöhnt der 50-Jährige.

Im Zweifelsfall ruft er daher doch wieder die Kollegen an, die sich schon mal bewährt haben. Lammers hat sein eigenes Organigramm des Konzerns im Kopf, das jedem Umbau trotzt. „Wir organisieren uns über Umwege, um keine Zeit zu verlieren“, erzählt er.

Diese Guerillataktik gehört zum Alltag bei der Deutschen Telekom. Und nach dem fast sechswöchigen Streik gegen die Auslagerung von 50 000 Mitarbeitern, gegen niedrigere Gehälter und längere Arbeitszeiten braucht Lammers die unkonventionellen Methoden dringender denn je. Der Ausstand von bis zu 16 000 Mitarbeitern pro Tag hat das System vor eine enorme Belastungsprobe gestellt und einige Engpässe im Konzern noch verschärft.

Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi summiert sich der Arbeitsausfall auf knapp 500 000 Streiktage. Bis April nächsten Jahres könne es dauern, bis alles abgearbeitet sei. So lange zumindest dürfen die Mitarbeiter mehr Überstunden machen als gewöhnlich, darauf haben sich die Tarifparteien geeinigt. Die Telekom will sich offiziell zu den Auswirkungen des Streiks nicht äußern. Nur so viel: Es sei schwierig, Zahlen zu nennen.

Vor gut einer Woche haben die Mitarbeiter einem zwischen Konzern und Gewerkschaftsführung ausgehandelten Kompromiss zugestimmt und ihren Arbeitskampf beendet. „Eine gute und tragfähige Basis“ habe man geschaffen, sagte Telekom-Chef René Obermann, „um eine zukunftsfähige Telekom zu bauen.“

Der Beginn fällt aber holprig aus: So sorgte der Streik nicht nur dafür, dass Arbeit liegen geblieben ist, sondern auch für Zoff zwischen den Mitarbeitern. In einigen Teams strafen die Arbeitskämpfer die Streikbrecher, die „schwarzen Schafe“, wie sie sie nennen, nach den Regeln des Telekom-Schattenreiches ab. So leihen einige Techniker besagten Kollegen keine Messgeräte mehr aus oder versorgen sie bei Reparaturen vor Ort nicht mit den nötigen Informationen.

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