Nach Klebers Absage
Suche nach „Spiegel“-Chef beginnt von vorn

Wer soll nach der Absage des „heute-journal“- Moderators Claus Kleber das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in die Zukunft führen? Diese Frage ist wieder aktuell, da Chefredakteur Stefan Aust Ende 2008 geht.

HB HAMBURG. Auf den Nachrichtenprofi aus Mainz freuten sich viele Mitarbeiter beim „Sturmgeschütz der Demokratie“, die in ihrer Gesamtheit Hauptgesellschafter (50,5 Prozent) des „Spiegel“ sind. Ihre Vertretung, die Mitarbeiter KG, lässt zunehmend verlegerische Muskeln spielen. Den Einstieg bei der defizitären „Financial Times Deutschland“ hat sie abgelehnt. Von ihrem Chefredakteur trennte sie sich in öffentlich knappen Sätzen zum Ende des Jahres 2008 – und wurde prompt von denjenigen gescholten, die eine Würdigung der Verdienste Austs um das Blatt vermissten. Mit Kleber hätten viele auskommen können. Als Vorzüge wurden „wortgewandt, ironisch, politisch erfahren, kritisch gegenüber Mächtigen“ genannt.

Nach dem Tod des Magazingründers Rudolf Augstein (1923-2002) dürfen die Beschäftigten den inhaltlichen Ideengeber, ihren obersten „Agendasetter“, selbst bestimmen. „Zum ersten Mal in der deutschen Pressegeschichte bestimmt schließlich eine Redaktion darüber, wer ihr Herr werden soll. Ich bin gespannt, wie das Experiment ausgeht“, merkte Augstein-Biograf Peter Merseburger (79) im Fachblatt „Medium Magazin“ (Dezember-Ausgabe) kritisch an.

Von einer „schweren Hypothek“ für den „Spiegel“ („Frankfurter Allgemeine Zeitung“), von einer Suche, die „fast zu einer Fahndung“ wird („Süddeutsche Zeitung“), sprachen Zeitungskommentatoren nach der Kleber-Entscheidung. Beim Spiegel-Verlag wird weiter nach einem Chefredakteur gesucht, „ohne Zeitdruck und in Ruhe“. Der Minderheitsgesellschafter Gruner + Jahr (25,5 Prozent) ist zuversichtlich, „im Januar eine tragfähige Lösung“ präsentieren zu können.

Gebraucht wird jemand, der das vor 60 Jahren gegründete Magazin mit einer stabilen Auflage von mehr als einer Million Exemplaren weiterhin im Nachrichtenfluss an der Spitze hält und ein gewinnbringendes Vertriebs- und Anzeigengeschäft ermöglicht. Schließlich sind die Beschäftigten am Erfolg des Magazins direkt beteiligt. In einem in der deutschen Presselandschaft einmaligen Modell hatte Augstein seinen Mitarbeitern 1974 die Hälfte des Verlags geschenkt, wodurch diese am – öffentlich nicht genannten – Gewinn teilhaben. Die Gruppe hat einen Jahresumsatz von rund 330 Mill. Euro.

Viele Namen aus der Print- und TV-Branche brodelten seit dem „Aus für Aust“ in der Gerüchteküche – und verdampften wieder. „Der Spiegel“ brauche keinen Moderator, sondern einen Chef, ließ der Erbenvertreter Jakob Augstein im Trubel um die Personalfrage wissen. Ob die Gesellschafter sich erneut um einen Top-Journalisten von außen bemühen, blieb am Freitag offen; als denkbar gilt auch eine verlagsinterne Lösung. In diesem Zusammenhang wurden Matthias Müller von Blumencron, Chefredakteur von „Spiegel Online“, und der bisherige „Vize“ des Magazins, Martin Doerry, ins Spiel gebracht.

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