Nachfolge für „Verbotene Liebe“
Wie die ARD eine Chance verspielt

Nach 20 Jahren ist Schluss: Die ARD setzt ihre Vorabendserie „Verbotene Liebe“ ab. Der größte Grund, das zu bedauern: Der Sender hebt ein altbekanntes Format ins Programm, anstatt einmal etwas Neues zu wagen.
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Am Donnerstag meldete es die „Bild“-Zeitung, am Freitag bestätigte es die ARD: „Verbotene Liebe“, die letzte Vorabend-Daily-Soap im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wird eingestellt. Am Ende dürfte sie 20 Jahre lang gelaufen sein; die 5000-Folgen-Hürde wird sie nicht mehr schaffen. Die 1,03 Millionen Zuschauer, die Folge 4531 am Donnerstag einen Marktanteil von 8,4 Prozent bescherten, waren zwar recht viel für „Verbotene Liebe“, aber Marktanteile von 6 bis 8 Prozent sind der ARD zu wenig.

Nur noch bis „voraussichtlich Anfang 2015“ wird die ursprünglich nach dem von 1981 bis 1987 gelaufenen australischen Vorbild „Sons and Daughters“ entworfene, in Kölner Studios gedrehte, aber längst nur noch in Düsseldorf angesiedelte „Glamour-Soap“ (Herres) von Intrigen unter Reichen und Schönen erzählen. Diese waren und sind oft adelig, wie die adoptierte Gräfin von Anstetten (wie Valerie Niehaus sie in den 1990ern spielte) oder Graf Ansgar von Lahnstein (wie ein seit 2004 von Wolfram Grandezka gespielter aktueller Protagonist heißt).

In den im Lauf der Jahre eher leicht variierten Handlungsbögen tauchen häufig bislang völlig unbekannt gewesene Verwandte auf, aber manchmal auch Elemente der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie ein an Alzheimer Erkrankter. Das größte Experiment war, dass – nachdem die Schleichwerbe-erschütterte ARD-Soap „Marienhof“ 2011 auslief – „Verbotene Liebe“ die frei gewordene Sendezeit übernahm und in 45-Minuten-Folgen statt wie zuvor halb so langen gesendet wurde. ARD-Programmdirektor Volker Herres ließ sich nicht nehmen zu betonen, dass die Soap „Fernsehgeschichte geschrieben“ habe, und versprach ein „glanzvolles Finale“.

Am selben Donnerstag, an dem die ARD-Entscheidung bekannt wurde, stellte der Geschäftsführer des Privatsenders RTL, der solche Seifenoper in Deutschland eingeführt hatte (und mit „Unter Uns“, „Alles was zählt“ und natürlich „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ weiterhin drei davon im Programm hat), die seine aktuellen Pläne vor.

Insbesondere für Sendungen der „Daytime“, wie das Programm tagsüber im englisch geprägten Jargon der Fernsehmanager heißt, diagnostizierte Hoffmann einen „immer schnelleren Abwärtstrend“ durch sich abnutzende Genres. RTL will künftig „Scripted Docusoaps“, die inzwischen auch diejenigen herstellen würden, die anfangs, als RTL den Trend mit aufgebracht hatte, „die Nase gerümpft“ hätten, durch neue Formate ersetzen.

Dazu gehört „Berlin Models“, eine tägliche Serie in ebenfalls „glamourösen“ Milieu und im Stil von „Berlin Tag und Nacht“ (BTN). Was diese Daily des halben RTL-Schwestersenders RTL 2 betrifft, sind die Meinungen gespalten. BTN richtet sich an sehr junge Zuschauer, während ältere die Nase rümpfen, und lebt vor allem davon, dass es in den sogenannten sozialen Medien, vor allem bei Facebook gedeiht – also auf den digitalen Plattformen, die längst Wettbewerber der Sender sind. Das beweist zumindest, dass an der Beschleunigungs-These etwas dran ist, aber auch, dass RTL beim Managen der Einschaltquoten im fragmentierteren Fernsehmarkt geschickt vorgeht.

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„Quizduell“ wird sich verschleißen

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